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[6. Juni 2008]

Die Mittagsfrau von Julia Franck oder Die Sprache spielt Verstecken

Abstract
Für ihren Roman Die Mittagsfrau erhielt Julia Franck 2007 den Deutschen Buchpreis. Doch ist die Lebensgeschichte der jungen Frau, von der Franck ihn ihrem neuesten Werk erzählt, wirklich so überzeugend vorgetragen, wie es die Auszeichnung vermuten lässt? Oder muss man ihr preisgekröntes Buch doch eher als Kotau vor dem Massengeschmack bezeichnen? Eine Rezension.

Worin immer der Reiz genau bestehen mag, der Schriftsteller dazu verführt, ihre Romane in den Raum der deutschen Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu stellen – er hat seine Kraft noch lange nicht eingebüßt. Vielleicht geht seine Wirkung darauf zurück, dass gerade diese Zeit sich anbietet, als eine Art Großmilieu behandelt zu werden. Die chronologische Abfolge der politisch-kulturellen Ereignisse ist das Gehege, das die Bewegungsmöglichkeiten und Erkenntnisfähigkeiten des Romanpersonals absteckt; die etablierten, allgemein anerkannten Lesarten der Zeit und die als möglich erachteten Perspektiven der Figuren legen beide schon in dem Moment, in dem auf genau dieses historische Bedeutungsfeld zurückgegriffen wird, viele der Überzeugungen und Schlussfolgerungen fest, die in anderen Zusammenhängen zunächst erlesen und entschlüsselt werden müssten. Das ist natürlich bequem für den Leser und darum auch populär. Er kann sich beispielsweise sicher sein, dass die Lobreden auf den Nationalsozialismus, die die eine Figur hält, von einer anderen auf die ein oder andere Weise konterkariert werden. Darüber hinaus darf er bestimmte Entwicklungsschritte erwarten, die die Figuren aller Wahrscheinlichkeit nach durchmachen werden. Diese Schritte orientieren sich am permanenten Umschwung der historischen Verhältnisse, die gerne an Daten festgemacht werden; ein chronologischer Raster, an dessen Knotenpunkten konventionalisierte Bedeutungen fest verankert sind: 1914, 1918, 1923, 1929, 1933, 1939, 1945… Von der Urkatastrophe des Ersten bis zur Großkatastrophe des Zweiten Weltkriegs: Handlungsführung mit erwartbaren Wendepunkten. Auf diese Weise wird die Entscheidung für die historische Verortung des Geschehens fast schon in die festen Entwicklungsschritte einer Regelpoetik konvertiert. Julia Francks Roman Die Mittagsfrau spielt in just dieser Zeit.

[Cover von »Die Mittagsfrau«]

Julia Franck: Die Mittagsfrau. Frankfurt a. M.: S. Fischer (2007), 430 S.

Erzählt wird das Leben einer jungen Frau, Helene Würsich: Die Kindheit im Bautzen des beginnenden 20. Jahrhunderts, in den Fängen einer allmählich dem Wahnsinn verfallenden Mutter (eine Jüdin), der langsam an seiner Kriegsverwundung zugrunde gehende Vater (ein Christ), die lesbisch-inzestuösen Erfahrungen mit der Schwester, die Ausbildung zur Krankenpflegerin und – man könnte es auch als eine Flucht bezeichnen – der Wegzug der beiden Schwestern zu ihrer Tante nach Berlin, die verrückte Mutter in der Dunkelheit ihres Zimmers zurücklassend. In Berlin erlebt Helene die rauschhafte Frivolität der Roaring Twenties. Ein Leben ohne finanzielle Sorgen, zwischen Kabarett und Opiaten, Tanz und freier Liebe; ein Leben, mit dem sie nie ganz warm wird, obwohl ihre so innig geliebte Schwester voll in ihm aufgeht. Die beiden werden einander fremd. Schließlich findet Helene ihre große (jetzt heterosexuelle) Liebe, doch kurz vor der Verlobung stirbt ihr Liebhaber bei einem tragischen Unfall. Der stechende Schmerz und die tiefe Trauer Helenes gehören zu den gelungensten Passagen im ganzen Buch. Helene arbeitet von nun an wieder als Krankenschwester. Ihre Anstellung ist allerdings prekär, da sie sich jetzt, in den Dreißigerjahren, auf keinen Fall mehr als Halbjüdin zu erkennen geben darf, von ihr aber immer wieder Papiere gefordert werden, die sie selbstredend nicht beibringen darf. Ihre neue männliche Bekanntschaft, Wilhelm, besorgt ihr gefälschte Dokumente unter anderem Namen, die allerdings Heirat und Wegzug nach Stettin unumgänglich machen. Doch diese Liebe, die zwischen Helene und Wilhelm, ist keine. Dass sie keinen gemeinsamen Sex haben (Wilhelm nimmt sie sich), ist die zeichenhafte Verdichtung ihres gegenseitigen Fremdseins. Schließlich wird Helene schwanger und ohne formale Trennung von Wilhelm verlassen. So, wie Mann und Frau einander fremd blieben, werden es später Mutter und Kind sein – für immer.

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