
Julia Franck hat diese Geschichte nicht aus der Position einer allwissenden Erzählerin oder weisen Interpretin geschrieben. Sie wird fast durchwegs (nur Pro- und Epilog bilden hier eine Ausnahme) aus der Perspektive Helenes erzählt. Genauer von einer Person, die mit dem Ich von Helene nahezu vollständig verwachsen ist. Wer die anderen Romane Francks oder die Erzählungen in Bauchlandung gelesen hat, dürfte sich darüber nicht weiter wundern. Das ist ihre Methode zu schreiben; eine Methode, die in Francks Texten definitiv den Rang eines primären Stilmerkmals einnimmt. Abweichungen gibt es in dieser Hinsicht keine. Das Erzählte wird immer aus den Wahrnehmungen und Gefühlen ausgewählter Figuren konstruiert, mal ist die gewählte Perspektive ein und dieselbe (so in ihrem Roman Liebediener), mal wechselt sie kapitelweise (so in Lagerfeuer). Das hat Die Mittagsfrau mit ihren Vorgängertexten gemeinsam und das beherrscht Franck wirklich gut. Daneben hat sie auch in ihrem jüngsten Buch ganz hervorragend an den Figuren gearbeitet, mit denen sie ihre Romanwelt bevölkert. Jede ist greifbar, jede ist vollständig durchgeformt und psychologisch verständlich. An keiner lassen sich willkürliche Entwicklungssprünge entdecken. Kurzum: Sie sind plastisch.
Die Plastizität der handelnden Figuren entsteht aber auch dadurch, dass sie als Reflex der Wahrnehmungen einer einzigen Person, nämlich Helenes, auftreten. Durch die Wirkungen, die sie auf diese ausüben, gewinnen sie selbst an Kontur. Sie werden für die Welt des Romans quasi erst in dem Moment geboren, in dem sich ihr Handeln mit dem von Helene verschränkt und indem dieses Handeln Helene beeinflusst und ihr Denken verändert. Helene als zentrale Figur ist der archimedische Punkt, an dem die anderen Spieler ansetzen. Sie treten nie freischwebend, sondern immer im Zusammenhang mit dieser auf, haben mithin eine feste Basis, auf der sie alle miteinander ruhen. Ihre Geltung für den Handlungsverlauf nimmt in demselben Maße zu, in dem sie für Helene an Bedeutung gewinnen. Man kann sogar sagen: Die große Konsistenz der Figuren muss, gerade weil sie sich alle um diese gruppieren, als Ergebnis einer Konstruktion Helenes gelesen werden. Unstimmigkeiten hat diese aus ihrer Konfrontation mit den anderen bereits herausgefiltert, um ihre Mitmenschen als Einheit, als klar voneinander unterscheidbar zu begreifen.
Aus demselben Grund gleiten die Handlungen Helenes, auch wenn sie herausgelöst aus dem Erzählzusammenhang so wirken könnten, nie ins Absurde ab. Sie rechtfertigen sich selbst durch ihre konsistente, wenn auch verletzliche Gefühlswelt. Mag sich Helene auch über Denken und Fühlen der anderen täuschen (dies geschieht offensichtlich regelmäßig), das, was sie fühlt, kann in sich nicht falsch sein. Mag sie sich oder die anderen auch falsch einschätzen, dieses Falsch wird in dem Moment, in dem es sich zu einem Gefühl verdichtet immer zu einem Richtig. Sich selbst Emotionen oder Einstellungen vorzugaukeln, die man nicht hat, ist ein Unding.
Diese Beobachtungen scheinen mir wichtig. Ringt Julia Francks Roman auch über weite Strecken um eine Bedeutung, die über das Erzählte hinausweist – genau in diesem Punkt hat er sie wirklich. Dadurch, dass Franck ihre personale Erzählerin auf Kommentare jenseits des Empfindens der zentralen Figur verzichten lässt, entzaubert sie die Gewissheit von individuellen Wahrnehmungen und Überzeugungen. Was übrig bleibt, das letzte, was wirklich noch als Träger einer wahren Bedeutung fungieren kann, ist das Denken und Fühlen der Person, deren Perspektive eingenommen wird: Helenes Denken und Fühlen. Die eigene psychische Verfassung ist die letzte verbliebene Gewissheit. Authentizität lässt sich nicht erreichen, indem der andere betrachtet und besser mehr als minder treffend analysiert wird. Sie hat ihren Ort allein im persönlichen Ausdruck des Individuums selbst. Pro- und Epilog, die aus einer anderen Perspektive geschrieben sind, halten diesen individuellen und darum nur im Innenraum des Selbst voll gültigen Wahrheiten den Zerrspiegel der anderen Psyche vor. Was dort richtig erscheint, wirkt hier gebrochen und falsch. Diese Spannung, die sich aus den unterschiedlichen Perspektiven von Haupt- und Nebenteil des Romans ergeben, machen meines Erachtens seinen eigentlichen Wert aus.
Die Methode, mit der Julia Franck diese Spannung erzeugt, hat aber auch ihren Preis. Sie schreibt zwar sehr empatisch und gefühlvoll, weich und ruhig. Das hat durchaus Stil. Aber so, wie eine Berührung mitunter auf seltsame Weise körperlos sein kann, so scheint dieser Roman, genauso wie seine Vorgänger irgendwie sprachlos. Gerade weil sie ihre Erzählerpersonen immer so nah an den Hauptfiguren aufbaut, die alle keine Träger einer artistischen Sprache sind, nehmen ihre Texte durchweg eine eher glatte, unauffällige Form an. Das ist den Figuren, aus denen heraus sich ihre Bücher entwickeln, auf jeden Fall angemessen, hat aber auch zur Folge, dass das Material, das sie zum Erzählen verwendet, vor lauter Erzählung fast nicht mehr spürbar ist. Ihre Sprache wirkt wie gezügelt durch einen Autorenwillen, der sie unbedingt hinter dem Erzählten verstecken will, und manchmal – das ist das eigentlich Schlimme – scheinen kurze, poetisch-schöne Passagen fast aus dem Buch herauszufallen. Formulierungen oder Bilder wie: Meist lachte Leontine allein. Martha und Helene lauschten ihrem Lachen mit offenem Mund; vielleicht konnte das Lachen so besser durchs Zwerchfell in die Bauchgrube sickern
, sind dermaßen auffällig, dass sie fast schon deplatziert wirken.
© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008