
Kann man Die Mittagsfrau auch – genauso wie die anderen Romane und Erzählungen Julia Francks – als einen Text verstehen, der sich mit den Grenzen der individuellen Wahrnehmung befasst, so hinterlässt diese Beschäftigung in der Sprache, dem eigentlichen Werkzeug der Autorin, doch nahezu keine Spuren. Sprache ist in Francks Texten nicht Objekt des Zweifels. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie auf die Dinge in der erzählten Welt verweist, ist aus ihrer Schreib- und Konstruktionsmethode zwar erklärlich, fühlt sich auf Dauer aber auch ein wenig schal und ungut an. So weiß sie sich zwar perfekt in ihre Figuren zu versetzen, versäumt es aber, ihnen einen eigenen, nur ihnen gehörenden Duktus zu geben. Sie zieht ihnen eine Haut aus möglichst unauffälligem Stoff über, der zwar robust, aber eben auch ein wenig eintönig ist. Durch ihr Einfühlungsvermögen gibt sie ihren Figuren Individualität, die sie ihnen durch ihre zu flache Sprache zugleich wieder nimmt. Denn die uniforme Hülle, die sie tragen, ist nicht wirklich ihr Eigen. Jede hat ihre mit allen anderen gemeinsam. Die Gefühlswelt eines jeden Protagonisten breitet zwar eine Ebene vor ihm aus, die nur ihm allein gehört. Diese Ebene ist aber bei allen auf dieselbe Weise flach. Am Ende von Francks Texten bleibt zwar das beeindruckende Gefühl, etwas erzählt bekommen zu haben. Die Darreichungsform – gelesen, gesehen, gehört – ist nach einer Weile nahezu aus der Erinnerung getilgt.
Das ist natürlich ein massiver Vorwurf. Denn Geschriebenes, dass sich seiner selbst nicht bewusst ist, muss sich die Frage gefallen lassen, warum es geschrieben und nicht gleich bebildert worden ist. Ein guter Roman wird erst dann gut, wenn er neben der Erzählung auch mit vollem Recht ein Sprachwerk ist, nur hier und nur in diesem Medium so existieren kann. Ich denke, dass Die Mittagsfrau unter diesem Aspekt durchaus hinterfragt werden sollte. Doch wäre es falsch, mit Julia Francks jüngstem Roman allzu hart ins Gericht zu gehen und ihn als törichtes Machwerk zu deklarieren. Erstens zeigt er die gebrochene Wahrnehmung der Hauptfigur auf eine Art und Weise, die wohl kaum eins zu eins in bewegte Bilder zu übersetzen ist. Die Bindung an die Sprache scheint mir hier unlösbar. Zweitens ist ihr Buch eines, das wirklich etwas zu erzählen hat. Es ist keine Sprache ohne Welt – auch das darf man von einem guten Roman erwarten.
Problematisch ist und bleibt allerdings der historische Hintergrund, den die Autorin sich für ihren Stoff ausgesucht hat. Auf diesem Fundament ist leider vieles in der Geschichte allzu vorhersehbar: So zum Beispiel das baldige Ende der ausgelassenen, zunächst scheinbar endlosen Feier im Berlin der Zwanzigerjahre oder Helenes Furcht davor, als Halbjüdin enttarnt zu werden. Der historische Background lässt einfach nicht genügend Entwicklungsmöglichkeiten, er scheint dem Buch mehr zu nehmen, als zu geben. Der Schrecken in einer Zeit ohne Schrecken scheint mir immer noch beeindruckender als der, den man so auch erwartet, zumal die konventionalisierten Vorstellungen der Möglichkeiten Helenes nicht unterwandert werden. Die Innenwelt dieser Figur während der Nazi-Zeit ist bereits erschlossen, bevor sie erzählt wird. In Francks Roman Lagerfeuer ist dies ganz anders. Die Flüchtlinge aus den Diktaturen Osteuropas, die in einem Aufnahmelager in West-Berlin leben, müssten eigentlich vor Glück über ihre gewonnenen Möglichkeiten übersprudeln. Aber dieses Glück stellt sich nicht ein, nicht einmal für einen kurzen, vergänglichen Moment. Sie bringen eine hoffnungslose Verzweiflung aus der alten Heimat mit in die neue und sind nie in der Lage, sich ihrer zu entledigen. Das fühlt sich auch für den Leser anders an als die Furcht einer Jüdin im faschistischen Deutschland als solche entdeckt zu werden. Auch wenn die seelische Zerrüttung, in die diese Furcht sie treibt, gut erzählt und nachvollziehbar ist. Sie bleibt trotzdem erwartbar, sie ist bereits im Moment der Adaption des Großmilieus vorgezeichnet.
Zieht man aus dem bisher Gesagten die Summe, dann drängt sich die Frage auf, wieso gerade Die Mittagsfrau vom Gremium des Deutschen Buchpreises den Vorzug vor, zum Beispiel, einem so frechen Text wie dem schreiend-komischen Selbstzerfleischungsroman Das bin doch ich von Thomas Glavinic erhalten hat, der es ja immerhin auch auf die Shortlist der besten sechs schaffte. Natürlich hebt die Jury – das ist kein Zufall – die psychologische Intensität
von Francks Roman hervor, also das, was ihn auch aus meiner Sicht gegenüber anderen Büchern auszeichnet. Die ebenfalls bemerkte sprachliche Eindringlichkeit
erschließt sich mir allerdings nicht. Tatsächlich ist der Roman sauber, routiniert und souverän geschrieben. Doch verfügt er eben nicht über eine widerständige Sprache, artistische Stolpersteine oder Formulierungen, die einen nicht mehr loslassen. Das Sprachspiel, das hier gespielt wird, heißt Verstecken. Die Sprache versteckt sich hinter der Erzählung und die Erzählung im gemütlichen Kostüm einer längst vergangenen Zeit. Das macht das Buch auf eine Weise mit der Idee des Deutschen Buchpreises (über Ländergrenzen hinaus Aufmerksamkeit zu schaffen für deutschsprachige Autoren
) kompatibel, die es für die Auszeichnung wesentlich geeigneter erscheinen lässt als – um bei dem Beispiel zu bleiben – der Selbstversuch von Glavinic. Es ist, gerade auch thematisch, einer breiten Masse zugänglich, passt zu jedem, tut keinem wirklich weh. Niemand muss es bereuen dieses Buch gelesen zu haben, jeder darf sich in dem schönen Gefühl wiegen, keinen Fehler begangen, seine Zeit nicht vollends verschwendet zu haben. Dass es zu jedem passt, verweist allerdings auch auf seine beklagenswerte Austauschbarkeit. Wo sich die Geister nicht scheiden, gibt es meist nichts Entscheidendes zu entdecken. Die Mittagsfrau von Julia Franck ist ein Buch zum Lesen – aber leider keines zum Wieder-Lesen.
Nico Dorn, 2008
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© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008