
Wie eng der Erinnerungsort der Autobiographie mit Deformationen der persönlichen und gesellschaftlichen Geschichte verschränkt ist, zeigt sich an der Rezeption von Grass’ Erinnerungsbuch Beim Häuten der Zwiebel[12]. Anfang August 2006, kurz bevor es erschien, gab Grass der F.A.Z. ein Interview[13], in dem erstmals ein Detail aus seinem Leben allgemein bekannt wurde, das er der breiten Öffentlichkeit bislang vorenthalten hatte: seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS. Dies führte zu mitunter erhitzten Diskussionen in den deutschen Feuilletons als auch zu durchaus humorvollem Spott nach dem Muster, nun verstehe man endlich, warum Grass sich schon vor der Rechtschreibreform mit Doppel-s geschrieben habe. Grass war sich der Problematik seines allzu langen Schweigens in dieser Sache offenbar bewusst, gibt er doch unumwunden zu: Das mußte raus, endlich.
Angesichts der Tatsache, dass er nie einen Hehl daraus gemacht hat, in seiner Jugend glühender Anhänger des Nationalsozialismus gewesen zu sein, erscheint dieses Geständnis auf den ersten Blick unbedeutend. Interessant ist es gleichwohl, weil das bewusste Verschweigen mit einer konventionalisiert heftigen Ablehnung der SS in der bundesdeutschen Erinnerungskultur zusammenfällt. In ihrer Heftigkeit verständlich, war die Waffen-SS doch neben den SS-Totenkopfverbänden unmittelbar für die Bewachung der Konzentrationslager und somit auch die Schoah verantwortlich, ist ihre Verdammung, die über die anderer genuin nationalsozialistischer Institutionen und solcher, die sich einspannen ließen, noch hinausreicht, in ihrer Absolutheit doch ein wenig selbstgefällig. Im Hintergrund dieser Qualifizierung schlummert nämlich noch immer die in der historischen Forschung längst ad acta gelegte Vorstellung einer Dichotomie gute
Wehrmacht contra böse
SS. Oder allgemeiner: die Vorstellung, die einen Nazis seien weniger barbarisch als die anderen gewesen. Darum scheint es in diesem Zusammenhang nicht unangemessen, daran zu erinnern, dass das offizielle Staatsgedenken an den Widerstand im Dritten Reich
ganz besonders den Verschwörern des 20. Juli 1944 und somit Männern gilt, die keinesfalls durchweg demokratisch gesinnt waren und sich gläubig und willig an einem Angriffskrieg beteiligt hatten, den sie lange Zeit für gerechtfertigt hielten. Ferner sollte bedacht werden, dass es auch in den Fünfzigerjahren noch weit verbreitete Meinung war, diese Hitler-Attentäter hätten Hoch- und Landesverrat begangen. Sich angesichts dieser konservativen Stimmung wie Grass aufs Podium zu stellen und mutig zu erklären, man habe gefehlt, war in dieser Zeit und auch noch in den Sechzigerjahren nicht gerade en vogue. Fiel dieser Schritt schon schwer, musste der des Bekennens einer Mitgliedschaft in der SS noch schwerer fallen. Und trotzdem: Gerade weil die SS so eng mit dem Verbrechen der Schoah verquickt ist, wirft die ehemalige Mitgliedschaft von Grass einen dunklen Schatten auf seine Biographie – zumal die Schoah ein, wenn nicht gar das zentrale Ereignis ist, an dem sich das politische Geschichts- und Selbstverständnis der Bundesrepublik ausrichtete.
An seinem erst jetzt erwähnten Makel wird überdeutlich, welche Folgen das autobiographische Bekennen nach sich ziehen kann. Denn sein verspätetes Geständnis affiziert sowohl Grass selbst, dessen oft moralisierendes Auftreten wiederholt an der eigenen Vita gemessen und darum auch infrage gestellt wurde, als auch den Teil der Gesellschaft, der sein Selbstverständnis an Überzeugungen und Wirken des Nobelpreisträgers ausrichtete. Grass als moralische Instanz, auf die man sich guten Gewissens berufen konnte, droht die Demontage. Um genau zu sein: Selbstdemontage. Natürlich wird der Kontext, in dem die SS per Konvention bisher gesehen wurde, durch diese singuläre Modifikation nicht grundlegend verändert. Die im Zuge des Geständnisses aufbrausende Diskussion[14] zeigt aber, dass ein derartiges Faktum die Gemüter auch deswegen erhitzt, weil die Lesart exemplarischer Biographien für das Selbstverständnis einer Gesellschaft unverzichtbar ist. Die zu einem Gesellschaftsverband gehörenden Individuen benötigen Kontexte, in denen sie sich begreifen können. Der leicht veränderte historische Kontext, in dem Grass sich von nun an verortet, führt zu einer Veränderung der Rezeption seiner Person und so, mittelbar, der gesellschaftlichen Wahrnehmung des Nationalsozialismus – ganz gleich wie gering diese Modifikationen auch ausfallen mag. Eine solche Veränderung deutet sich in einer Äußerung Arnulf Barings gegenüber der Berliner Morgenpost anlässlich der Grass-Kontroverse bereits an[15]: Das Bild des Dritten Reiches muss in dem Sinne zurechtgerückt werden, als man die damaligen Sichtweisen, die damaligen Möglichkeiten stärker berücksichtigen muss
, konstatiert Baring. Nicht jeder, der in der NSDAP oder gar der Waffen-SS war, muss deshalb verbrecherische Ziele verfolgt haben.
Darauf, dass man aus dem späten Bekenntnis von Günter Grass auch andere Folgerungen ziehen kann, verweist hingegen eine Äußerung Martin Walsers. Er macht unser Bewältigungsklima mit seinem normierten Denk- und Sprachgebrauch
[16] dafür verantwortlich, dass Grass sich nicht eher geäußert habe. Welche Folgen ein solches Klima haben kann, musste Walser in der Folge seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandel von 1998 am eigenen Leib erfahren.[17] Ohne auch nur im Mindesten den Nationalsozialismus oder das Verbrechen der Schoah zu verharmlosen,[18] prangert er den ritualisierten und darum entleerten Umgang mit dem Holocaust an. Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung. Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualität des Lippengebets.
Die Selbstgefälligkeit, mit der sich die zementierte Erinnerungskultur Deutschlands in der Folge dieser Äußerungen einmal mehr in ihrem Sündenstolz
(Hermann Lübbe) sonnte, ist hier nicht weiter von Interesse. Bemerkenswert jedoch ist, dass Walsers Fall denselben Prozess in Gang setzte, wie man ihn rund acht Jahre später bei Grass beobachten kann: Die Selbstoffenbarung wirkt sowohl auf ihn in Form einer Selbstverstümmelung als auch auf die Rezipienten zurück, die sich gezwungen sehen, ihre Wahrnehmung vom politisch linksgerichteten Walser zu überdenken. Die anschließende Diskussion führt zu einer Revision des historischen Kontextes, auf den sich das rezipierende Individuum bezieht. Diese Revision muss nicht notwendigerweise grundlegend verändernd wirken, sie kann auch bisherige Sichtweisen verstärken. Modifizierend ist sie in jedem Fall.
Dass diese (auch hier) ausufernde Diskussion dem Buch von Grass in keiner Weise gerecht wird, wird zumeist geflissentlich ignoriert. Denn Grass hat zum einen keinen Text über seine Zeit im Nationalsozialismus geschrieben – der Nationalsozialismus ist bereits deutlich vor der Hälfte des Bandes passé –, sondern einen über sein Leben vom Kriegsausbruch bis zum Erscheinen der Blechtrommel
(1959). Seine Jugenderfahrungen im Nationalsozialismus und das Fronterlebnis als SS-Angehöriger spielen dabei zwar eine bedeutende Rolle; die Zeit im Kriegsgefangenenlager, im Männerwohnheim der Caritas, während der Steinmetzausbildung, an der Universität usw. ist jedoch zumindest gleichgewichtet. Zum anderen differenziert er in einem weit höheren Grade, als es in den mitunter empörten Reaktionen und Forderungen auf sein SS-Geständnis der Fall war. Die Autobiographie ist unter seiner Hand nämlich nicht etwa eine Textgattung, die Fakten aneinanderreiht und dadurch eine in Textkleider gehüllte Person (so, wie sie ist
) zur allgemeinen Begutachtung auf den Präsentierteller setzt. Die Autobiographie ist ihm vielmehr etwas, dem man mit einem gerüttelt Maß an Unsicherheit gegenüberzustehen hat. Darauf deutet schon die Form des Textes, in der Grass die Chronologie der Ereignisse immer wieder aufsprengt und sich eines literarisch-belletristischen Duktus und nicht eines historisch-erzählenden bedient. Wir beschönigen, dramatisieren, lassen Erlebnisse zur Anekdote zusammenschnurren
, konstatiert er im F.A.Z.-Interview. Und all das, also auch das Fragwürdige, das alle literarischen Erinnerungen aufweisen, wollte ich schon in der Form durchscheinen und anklingen lassen.
Diese Methode der literarischen Überformung des eigenen Lebens führt dazu, dass einerseits so manches biographische Faktum im Unklaren bleibt und andererseits so manche Anekdote offenkundig der blühenden Fantasie des Schriftstellers entsprossen ist. Beispielsweise die Begegnung mit dem etwa gleichaltrigen Joseph im Kriegsgefangenenlager, einem Ratzinger-Wiedergänger, der aus der Gegend von Altötting stammt und sich überaus katholisch-dogmatisch gibt: Joseph, du willst wohl Großinquisitor werden oder noch höher hinaus.
(S. 217) Solche literarischen Inszenierungen und Anspielungen ermöglichen dem Leser, trotz aller Ungewissheiten[19] ein weit höheres Maß an gedanklicher Anknüpfung als eine strikt chronologische, an auf Hochglanz polierte Tatsachen orientierte Nacherzählung. Indem die Vita des Autors nicht einziges Thema bleibt, sondern das Schreiben derselben zum Metathema avanciert, erweitert sich automatisch der Bezugsrahmen des Erzählten. Grass schreibt nicht an einem amtlichen Faszikel, das im Archiv wühlende Historiker, die mit einem veralteten Methodenrepertoire ausgestattet sind, später für den kodifizierten Niederschlag von Wahrheit halten können. Die Unsicherheit des Erzählers hat sich tief in den Text hineingefressen. Die Frage, ob das überhaupt sein Ich ist, das er da beschreibt, bildet die Basis seiner Schreibhaltung. Seine Unsicherheit beschränkt sich dabei keineswegs auf das ungläubige Staunen über seit Jahrzehnten abgelegte Überzeugungen. Grass geht hier weiter. Es scheint ihm nämlich viel eher ein behauptetes, doch immer wieder im fiktionalen Gestrüpp verschwindendes Ich
(S. 39) zu sein, über das er schreibt – ein Ich, im Dickicht anderen Seins verwoben, verborgen, versteckt.
[12] Zitiert wird im Folgenden immer die Erstausgabe: Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel. Göttingen (2006).
[13] In F.A.Z., Nr. 186 vom 12. August 2006, S. 33: Warum ich nach sechzig Jahren mein Schweige breche
.
[14] Vgl. FAZ.NET: Debatte über Grass wird hitziger, vom 14. August 2006.
[15] In der Berliner Morgenpost: Ahnungslose moralische Wichtigtuerei
, vom 14. August 2006.
[16] In der Stuttgarter Zeitung: Martin Walser unterstützt Günter Grass, vom 13. August 2006.
[17] Eine Transkription der Rede Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede stellt das Deutsche Historische Museum bereit. Die Zitate folgen dieser Transkription.
[18] Im Falle anderer Interpretation liegt m. E. kein Miss-, sondern ein Fehlverständnis vor. Sätze wie Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum
, zeigen mehr als deutlich, dass Walser nun wahrlich kein Holocausleugner ist. (Wer lesen kann, der lese!) Dass Auschwitz immer wieder für aktuelle politische Zwecke herangezogen oder gar instrumentalisiert wird, scheint mir auch unbestritten. Diskutabel ist allein, ob man diese Instrumentalisierung derart vehement ablehnen muss, wie Walser es tut.
[19] Ungewissheiten werden von Grass an vielen Stellen ausdrücklich thematisiert. Z. B.: Zwar meine ich noch immer die Striemen auf platzender Haut zu sehen, aber das könnte ein nachträglich gepinseltes Bild sein, weil Erlebnisse dieser Art, sobald sie sich zu Geschichten mausern, nun mal auf Eigenleben bestehen und gern mit Einzelheiten prahlen.
(S. 194)
© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008