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[1. April 2007]

[Cover von »Ich nicht«]

Joachim Fest: Ich nicht: Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend. Reinbek: Rowohlt (2006), 367 S.

Die Autobiographie Ich nicht[22] sollte Joachim Fests letztes Buch sein. Erschienen ist es im September 2006, dem Monat, in dem er starb. Es kommt nicht von ungefähr, dass Fest sich in ihr auf jenes Zwölfjährige Reich beschränkt, das sich zwischen 1933 und 1945 tausendjährig gab. Es kommt nicht von ungefähr, sollte ihm diese Zeit doch zum Lebensthema werden: Für den RIAS verfasste Fest in den Fünfzigerjahren eine große Featureserie über den Weg Deutschlands in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs; 1973 veröffentlichte er seine berühmte Hitler-Biographie – ein Standardwerk von monumentalen Ausmaßen, das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde; 1977 produzierte er zusammen mit Christian Herrendoerfer einen großen Dokumentarfilm über Hitlers Aufstieg und Fall; als Leiter des Feuilletons der F.A.Z. bot er Ernst Nolte 1986 die Möglichkeit, den Essay zu publizieren, der den Historikerstreit einleitete; mit dem Buch Der Untergang lieferte er 2002 die Vorlage für den gleichnamigen Kinofilm. Die Liste ist unvollständig. Das Dritte Reich hielt ihn, der sich am liebsten vornehmlich mit der Zeit der Renaissance beschäftigt hätte, gefangen. Ihm wurde aus der abscheulichen Zeitgeschichte eine Lebensaufgabe (S. 352).

Folgerichtig beschäftigt Fest sich auch in seinen Erinnerungen nahezu ausschließlich mit seiner Jugend im Nationalsozialismus, dem Scharnier, um das sich sein Leben drehte. Die faschistische Machtergreifung von 1933 ist dabei ein Schlüsselerlebnis. Denn sein Vater, Leiter einer Volksschule, wird bereits im April 1933 aus politischen Gründen – Zugehörigkeit zur Zentrumspartei und zum Reichsbanner, öffentlich herabsetzende Reden gegen den Führer usw. (S. 54–55) – von allen dienstlichen Aufgabe zunächst suspendiert, später (im Oktober) endgültig entlassen. Im Folgenden wird diese Vaterfigur, die in Fests Memoiren gleichsam die zweite Hauptrolle spielt, (gewiss zu Recht) zu einem Heros des Widerstands[23]: Johannes Fests Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus blieb allen Schwierigkeiten zum Trotz konsequent ablehnend. An diesem Widerstandsgeist orientierte sich der junge Joachim Fest. Darum folgen nun auch die oft beschriebenen Probleme, denen sich ein oppositioneller Jugendlicher gegenübergesehen hat – unter anderem sein Schulverweis. Schließlich schildert Fest seine Zeit als Luftwaffenhelfer, im Arbeitsdienst, in der Wehrmacht und in der Kriegsgefangenschaft. Über die Nachkriegszeit: nur wenig, dafür Invektiven, die sich gewaschen haben (s. u.). Ein Buch über die Erlebnisse im Nationalsozialismus also. Eine Bemerkung die Fest gegenüber dem stellvertretenden Intendanten des RIAS in den Fünfzigerjahren gemacht haben will, als dieser ihn zu überreden versuchte, die erwähnte Featureserie zu schreiben, lässt allerdings aufhorchen: Zwar hätte ich mehrere Vorlesungen bei […] bekannten Historikern besucht, schreibt Fest, die Zeitgeschichte jedoch nach Möglichkeit vermieden. Sie habe mich nie hinreichenden interessiert. (S. 350) Tatsächlich muss man bei genauerem Hinsehen konstatieren, dass in seiner Autobiographie zwischen den Zeilen ein Thema hindurchschimmert, das, wenn man die plötzlich überraschend dünne Schicht des Nationalsozialismus entfernt, zum zentralen Gegenstand des Textes avanciert. Das immer wieder hervorgehobene Leiden an seiner Umwelt bündelt Fest nämlich in der Überzeugung, dass der Nationalsozialismus dem alten Bildungsbürgertum den Todesstoß versetzt habe. Und genau das ist sein eigentlicher Gegenstand: das Ende von etwas, das schon zuvor kränkelte – das Ende des Bildungsbürgertums. Ein Thema, das fürwahr über den Horizont der Zeitgeschichte hinausreicht.

Diese Lesart lässt die Figur des Vaters, die Fest zu seinem zentralen Identifikationspunkt erhebt, der seine Geisteshaltung sowohl in ästhetischen als auch moralischen Fragen bestimmt, in einem anderen Licht erscheinen. Sie wird zur Personifikation des Bildungsbürgertums, das in gleicher Weise positiv bewertet wird wie der sich der Barbarei widersetzende Vater selbst. Diese positive Wertung und ihre Verteidigung gegen negative Sichtweisen ist nicht nur auf die Zeit des Nationalsozialismus, sondern im selben Maße auch auf gewisse Strömungen in der Kultur im Nachkriegsdeutschland bezogen:

Zwar stand der Begriff [des Bildungsbürgertums] zu jener Zeit noch nicht in dem Verruf, der ihm inzwischen anhaftet. Aber ein altmodisches Wesen meinte das Wort damals schon. Nach den Nazijahren ist das Bildungsbürgertum zu einer der hauptschuldigen Gesellschaftsmächte für den Aufstieg Hitlers gemacht worden; dem genaueren Blick allerdings spiegelt die Anklage lediglich das Ressentiment verwöhnter Kinder, die darauf aus waren, sich moralisch über ihre Eltern zu erheben und alle Bildung als unnütze Anstrengung zu verleumden. (S. 31–32)

Wann immer Fest also seinen Vater zu einer hehren Lichtgestalt stilisiert, ist damit nicht nur das Individuum selbst, sondern auch dieses ominöse Bildungsbürgertum gemeint. Das empörte Ich nicht, das Fest seinem Text voranstellt, gilt somit nicht allein der unumstrittenen Tatsache, dass es nicht genug Menschen gab, die sich dem Nazistaat so verweigerten wie er und seine Familie. Es ist auch als Erinnerung an eine verlorene Gesellschaftsschicht zu verstehen, die er als ebenso geschmackssicher wie prinzipienfest begreift. Sein Ich nicht transportiert darüber hinaus eine Verweigerungshaltung, die sich auf kulturelle Bewegungen der Nachkriegszeit bezieht. Fest versteht sich dabei nicht ausschließlich als Bewahrer in einem politischen Sinn, der ihm linksgerichtete Personen suspekt erscheinen ließ. Ihm geht es immer auch um ästhetische Dinge, sind für ihn doch beide Bereiche untrennbar miteinander verwoben. Ein Verächter humanistischer Bildung hätte von Fest nur Unverständnis geerntet; schmuddelige Vertreter einer Pop-Kultur wie Russ Meyer, Charles Bukowski oder Sid Vicious dürften ihm gänzlich unbekannt geblieben sein. Die Welt der väterlichen Bücher ist die Welt der klassischen Bildung, ist die Welt einer politisch konservativen Haltung, ist die Welt des von Joachim Fest hochgehaltenen Bildungsbürgertums, ist die Basis seiner Wert- und Moralvorstellungen.

Mein Vater liebte die Bücher. Sein Stolz war die chronologische Goethe-Ausgabe des Propyläen Verlages […]. Daneben standen die Schriften von Lessing bis Heine, natürlich Shakespeare und vieles andere bis hin zu dem bewunderten Fontane […]. In der wissenschaftlichen Abteilung gab es zwei oder drei Regale theologischer Literatur, ihn beschäftigten Fragen des Gottesbeweises, die Anstöße Luthers für die Entwicklung der deutschen Sprache, im Nebenschrank stand die Literatur über die preußische Geschichte, zumal die Zeit der Reformer, ferner Werke über das christliche Menschenbild oder die Ausbreitung des Glaubens in den entferntesten Weltgegenden. (S. 32)

Hier finden sich die Konstanten, die das ganze Leben von Fest bestimmten, oder – um meine negative Terminologie zu verwenden – die Lesarten, die seinen Erinnerungsort und dadurch seine Vita deformierten und zu dem machten, was sie war. Hier findet sich die Trauer um etwas, das längst zugrunde gegangen ist, die Trauer um etwas, das seine negative Seite, die Fest nicht wahrhaben wollte, überdeutlich gezeigt hat. Es ist das Leiden daran, dass der Schlächter Heydrich Geige spielte, dass Buchenwald und Weimar zusammengedacht werden müssen, dass das von einer Französin (Germaine de Staël) entworfene und dankbar übernommene Bild einer Nation der Dichter und Denker die Deutschen am Töten im industriellen Maßstab, mit industriellen Mitteln nicht hindern konnte. Fest fragt sich, wie es möglich war, ein altes Kulturvolk wie die Deutschen um den politischen Verstand zu bringen? (S. 341) Die Antwort ist überraschend schlicht und dabei bezeichnend: Einmal hörte ich meinen Vater sagen, die Deutschen seien nicht mehr deutsch: Sie haben ihre grüblerische Leidenschaft verloren und ihre Vorliebe fürs Primitive entdeckt. Nicht der nachdenkliche Gelehrtentyp des 19. Jahrhunderts ist, wie er es gewesen war, ihr Vorbild. (S. 341) Das ist die Summe von Fests Erinnerungen: Die Deutschen sind nicht mehr deutsch! Das ist der Niederschlag seiner zutiefst konservative Haltung, die sich nicht damit abfinden kann, dass die Moderne alle klar fixierten Gesellschaftsschichten hinweggefegt hat, dass das Modell des Bildungsbürgertums endgültig gescheitert ist. Alle Gewissheit darüber, was schön ist, was richtig ist – perdu. Die Dialektik der Aufklärung hat sie hinweggefegt. Die Vollendung der Aufklärung durch das selbstherrliche Subjekt, so Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, habe in der Herrschaft des blind Objektiven, Natürlichen gegipfelt. Diese Tendenz ebnet alle Gegensätze des bürgerlichen Denkens ein, zumal den der moralischen Strenge und der absoluten Amoralität.[24] Der aus einer solch hypertrophen Vernunft entsprungene irrationale Antisemitismus kann als Folge dieser Entwicklung verstanden werden. Die Feststellung, dass die Gegensätze von Moral und Amoral sich in der Ideologie des Nationalsozialismus nivellierten, würde Fest teilen. Mit der geforderten Konsequenz der Philosophen, einer radikalen Kulturkritik, könnte er sich nicht anfreunden. Für ihn sind sie noch da, die absoluten Werte, für ihn sind sie nicht hinter der falschen Klarheit des Mythos, in der unkritischen, nur noch affirmativen Wirkung einer abgegriffenen Sprache verschwunden. Er will bewahren, konservieren. Seine Schreibhaltung, die so grundsätzlich von der abweicht, die Grass sich wählte, ist dafür ein beredter Ausdruck. Mit ihr, die sich am Konkreten orientiert, versucht er, die abhandengekommene Gewissheit wiederzugewinnen. Die strikte Chronologie, die er für die Beschreibung seines Jugendlebens wählt, wird zu einem Bild für die versuchte Geradlinigkeit seines Denkens und Handelns. Der von ihm gewählte Stil autobiographischen Schreibens ist Materialisationspunkt der Trauer über den Verlust des Richtigen.

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[22] Zitiert wird im Folgenden immer die 2. Auflage der Erstausgabe: Joachim Fest: Ich nicht: Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend. 2. Auflage, Reinbek (2006).

[23] Felicitas von Lovenberg sieht dies anders: Es fällt Joachim Fest nicht ein, seinen Vater zum Helden zu stilisieren (F.A.Z., Nr. 207 vom 6. September 2006, S. 39: Auch wenn alle mitmachen – ich nicht), aber m. E. falsch. Indem Johannes Fest konstant bei seiner Haltung bleibt und sein Sohn Joachim diese Standfestigkeit immer wieder hervorhebt; indem Joachim Fest diese Haltung mit der Form der Reaktionen der Mittäter kontrastiert (s. u.), erklärt er seinen Vater implizit zum Helden.

[24] Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente. Frankfurt a. M. (2003); dieses und die folgenden Zitate stammen alle aus der Vorrede (S. 1–7).

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008

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