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[1. April 2007]

Die Bücher von Grass und Fest sind Antipoden in vielerlei Hinsicht. Ist es bei Grass die Verehrung der Mutter, die den Text von der ersten bis zur letzten Seite durchzieht, so ist es bei Fest der heroisierte Vater, dem seine ganze Bewunderung gilt. Schreibt Grass ein vielschichtiges, wunderbar gestaltetes und immer wieder überraschendes Buch, definitiv sein bestes seit langer Zeit, ist Fests Text oft zäh und dröge, befasst sich bei ungefähr gleicher Länge monoman mit der Zeit des Nationalsozialismus und ist dabei in höchstem Maße unleidlich und allzu wenig durchdacht. Unleidlich, weil er immer noch heftig bedauert, dass nicht Menschen wie er, die immerhin von Anbeginn Antifaschisten waren, zum moralischen Gewissen Nachkriegsdeutschlands aufsteigen konnten, sondern zweifelhafte Figuren wie der namentlich erwähnte Günter Grass[25] und der hinter einer Anekdote verschwindende Jürgen Habermas[26]; allzu wenig durchdacht, weil die Bedingungen, die ihn zum Antifaschisten prädestinierten, nicht ausreichend reflektiert und die Unwägbarkeiten autobiographischen Schreibens auf das Verschwinden des Konkreten aus der Erinnerung reduziert werden: Wie hieß der Deutschlehrer des Leibniz-Gymnasiums, der meinen Weggang vor der Klasse bedauerte? Wie klangen die Bemerkungen, mit denen Dr. Meyer mich bei meinem letzten Besuch zur Tür geleitete […]? Erlebnisse, Worte, Namen: alles verloren oder im Abgang befindlich. (S. 9) Fest versäumt es, aus dem Verlust einen Gewinn zu machen. Manch ein Erinnerungssplitter verbirgt sich in seinem Text in einer Aufzählung, wodurch er natürlich keinerlei Substanz gewinnt. Ein Beispiel: Fest sammelte witzigerweise dieselben Zigarettenbildchen mit miniaturisierten Kunstwerken, die auch Grass so liebte. In Grass’ Erinnerungen wird die Sammelleidenschaft derart plastisch, dass er sie unbeschwert zu einem Initiationsort für das Interesse an klassischer Kunst stilisieren und durch den ganzen Text immer wieder aufgreifen kann. Bei Fest hängt dieses Detail wie viele andere im Leeren. Man muss sogar sagen: Er ist schon aufgrund seiner Schreibhaltung nicht in der Lage, solchen Details Plastizität zu verleihen. Deutliche Erinnerungen sind hingegen Selbstvergewisserungen einer bildungsbürgerlichen Grundüberzeugung: diese Bücher habe ich gelesen, diese Symphonien und Opern gehört, diese Gespräche über Literatur und Kunst geführt. In Grass’ Text bleibt dementgegen oftmals unklar, ob sich ein Erinnerungsrest nachträglich zu einem romanhaft inszenierten Symbol aufgeschwungen hat oder ob hinter ihm eine authentische Erfahrung steht. Das Verständnis autobiographischen Schreibens ist bei Grass eines, das solche Ungewissheiten zu ertragen vermag. Die bewusst unscharfe Form, die Grass für seine Autobiographie wählt, fußt zwar auf derselben Erfahrung: dem Verlust von konkret Greifbarem aus der Kindheit. Er wendet diesen Verlust aber im Gegensatz zu Fest positiv, indem er selbst vermeintliche Gewissheiten infrage stellt und so einen deutlich höheren Reflexionsgrad als jener erreicht.

Jenseits solcher Differenzen gibt es auch Gemeinsamkeiten: Beide treffen sich im Antifaschismus, beide schreiben Autobiographien, die in je besonderer Weise verformt sind: dort fehlt die Erinnerung, hier der Zugriff auf das, was man Wahrheit nennt; hier prägte der Faschismus einen Mahner wider alle Konservatismen, dort bestärkte er den Schreiber, die zerschlissene Fahne des Wahren, Schönen, Guten noch einmal hochzuhalten. Der Faschismus war für beide demnach nur die Basis, auf die sie ihr erwachsenes Leben stellten: Der eine (Grass) ging im Nachkriegsdeutschland dauerhaft mit der Moral im neunten Monat schwanger; der andere (Fest) bedauerte immer und immer wieder den Abort des alten Bildungsbürgertums. Dabei wollen beide auf ihre unverwechselbare Art recht behalten.[27] Einander treffend gehen ihre Biographien folglich, ohne zu zögern, wieder auseinander. Und so bleiben beide Individuen – die ihre Vergangenheit schreiben, um sich einen Kontext zu schreiben, in dem sie sich verorten, indem sie sich schreiben.

Nico Dorn, 2007

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[25] Fest deutet Akte der Selbstbezichtigung von Grass und anderen falsch, wenn er sie allein als eine Form der Selbstreingung, was sie natürlich auch sind, versteht. Denn die Selbstbezichtigung hat in einer Gesellschaft, die die eigenen Vergehen obstinat beschweigt, auch eine andere Funktion: die Funktion eine allgegenwärtige Ignoranz und Beschönigung der jüngsten Vergangenheit aufzubrechen. Wenn Günter Grass oder einer der ungezählten Selbstbezichtiger auf ihr Schamgefühl deuteten, wollten sie keineswegs auf irgendeine eigene Schuld verweisen, sondern auf die vielen Gründe, die alle anderen hatten, sich zu schämen, vereinfacht Fest. Zu ihrer und unser aller Schande, so meinten sie, fände sich die Masse dazu aber nicht bereit. Sie selbst fühlten sich bereits durch das Bekenntnis ihrer Scham von jeglichem Vorwurf frei. (S. 342)

[26] S. 342–343: Hinter der Formulierung eine[r] der führenden Köpfe des Landes verbirgt sich Habermas, hinter ein ehedem Untergebener Hans-Ulrich Wehler.

[27] Johann Michael Möller gesteht Fest zu viel Konzilianz zu, wenn er schreibt: Fests Erinnerung sind kein triumphierendes Buch, keines das Recht behalten will und Recht behalten hat. (Deutschlandradio Kultur: Die Wahrheit liegt auf dem Ölberg, vom 15. September 2006.) Dazu rückt Fest den Wertekanon des zugrunde gegangenen Bildungsbürgertums zu stark in den Vordergrund. Seine Verdammung der politischen Linken (s. o.) ist nur ein Baustein seines Willens, recht zu behalten.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 14. Dezember 2012

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