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[10. Januar 2005]

Gier: Ein Unterhaltungsroman von Elfriede Jelinek

Abstract
Dieser Roman ist gut. Nur, wie geht das, wenn er doch von der Handlung her allenfalls Rohbau ist? Es geht über die virtuose Behandlung der Formalia. Wie Gier formal funktioniert und wo die Wurzeln dieser funktionalen Phänomene m. E. liegen, versuche ich u. a. in meiner Besprechung zu zeigen.

Die literarische Moderne hatte etwas zu erzählen. Sie erzählte Geschichten von handelnden Menschen, ebenso wie die Realisten des 19. Jahrhunderts. Sie konnte diese Erzählungen nur nicht mehr geschlossen darbieten, sie nicht mehr komplettieren. Denn die in ihnen handelnden Menschen verstrickten sich in ein Geflecht, das sich jäh zu entflechten begann, ohne zuvor deren gefangene Glieder freizugeben, was unweigerlich zum Zerreißen dieser Personen führen musste. Die literarische Moderne erzählte, so kann man es wohl auf den Punkt bringen, von Menschen, die keine eigenen Grenzen mehr kennen, deren Individualität gebrochen ist, eine Melange aus Ich und Umwelt. Sie erzählte von Menschen, deren Handeln in Selbstzergliederung endet, enden muss aufgrund der Invasion einer unübersichtlichen, in permanenter Beschleunigung begriffenen Welt in den Raum des Individuums. Dieses Zerschmettern der Person konnte mal leidend (wie in Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge), mal interessiert analysierend (wie in Musils Mann ohne Eigenschaften) vonstatten gehen. Charakteristisch blieb jedoch die Vielstelligkeit der Figureninnenleben, was sich wiederum auf die Form des Erzählens auswirkte: Da die Grenzen der Figuren und ihrer Wahrnehmungen verwischten, verwischte auch die Form literarischen Erzählens. Es scheint, als konnte man Romane nur noch in verschiedenen Stadien der Zersetzung darbieten (nähmen wir ein geschlossenes Kunstprodukt wie den Jürg Jenatsch von Meyer einmal als Vergleichsgröße). Zu einer solchen Parallelisierung von Form und Inhalt eignen sich beispielsweise das Tagebuch, das nicht auf ein Ziel hin verfasst wird, sondern Fragmentcharakter behält (wie Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge), oder die essayistische Abschweifung, die etwaige Handlungsstränge v. a. als Anreiz zur Analyse und Reflexion begreift (wie Musils Mann ohne Eigenschaften).

Aber es geht doch um Elfriede Jelineks Gier. Was hat das mit der Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu tun? Nun, meine Anmerkungen zur literarischen Moderne sollen im Folgenden helfen, zu verstehen, wie weit die Entwicklung literarischer Formen in der Gegenwart gediehen ist. Denn Elfriede Jelinek hat nicht einmal mehr eine Geschichte zu erzählen. Es geht in Gier nur noch um die Personen an sich, mit denen gehandelt wird. Ihr eigenständiges Handlungspotential ist weitgehend eingeschränkt. Der Plot ist nicht einmal mehr sekundär, er verschwindet hinter der formalen Gestaltung fast vollständig. Wer wollte auch heute noch ein Büchlein schreiben, in dem Folgendes geschieht!?

Kurt Janisch ist gierig, vor allem auf Häuser. Nebenher auch noch auf Sex mit Frauen und, was erst zum Ende des Romans hin klar wird, auf zartes Jungenfleisch. Nie genug kriegen kann er – von Häusern. Und warum sollte er da nicht das Nützliche mit dem Schönen verbinden und sich seine erste Gier im Zuge der Ausübung der zweiten befriedigen? Kurt Janisch ist nämlich auch Verkehrspolizist, was ihm die Möglichkeit bietet, zahlreiche allein stehende Frauen kennen zu lernen, unter denen die ein oder andere ein schmuckes Häuschen hat, das nur ihr gehört. Da fährt er dann hin, bricht mit ihnen seine Ehe und hofft darauf, dass man ihm das Haus überschreibe. Alles Weitere wird sich bestimmt später finden. Die Frauen, von denen der Roman v. a. erzählt, heißen Gerti und Gabi, wobei Gabi nur die zweite Gier befriedigen kann – mit fünfzehn Jahren hat man schließlich noch kein eigenes Haus. Kurt ist nicht zimperlich, wenn er mit seinen Frauen kopuliert. Und einmal in der Wut seiner Gier zweiten Ranges bringt er die fünfzehnjährige Gabi um, ganz sanft durch Druck auf die Kehle – dann versenkt er sie in einem Baggersee, auf dass man sie nicht finde. Dabei kann man später, nachdem sie gefunden wurde, eigentlich keine Gewaltanwendung am Opfer feststellen. Die Polizei, auch er persönlich, verfolgt diesen Mord – viel wird davon jedoch nicht berichtet und, ob er aufgeklärt wird, bleibt unklar. Die schon ältere, über fünfzig Jahre zählende Gerti müsste eigentlich wissen, wer für das Verschwinden von Gabi verantwortlich ist, kennt sie diese doch als unerwünschte Nebenbuhlerin genauer, als ihr lieb ist. Sie will es aber irgendwie nicht wahrhaben. Gerti scheint überhaupt kaum zu wissen, was sie so alles will und was nicht. Am Ende will Gerti auf jeden Fall nur noch sterben und vermacht dem Gendarmen Kurt vor ihrem Selbstmord noch das Haus, nach dem er so gierte. Finis.

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