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[10. Januar 2005]

Genauso flapsig wird das erzählt, was darauf hindeutet, dass es in Gier nicht wirklich um die Ausbreitung dieses Plots gehen kann. Denn seien wir ehrlich – da müsste sich selbst ein vifer Krimiautor gehörig anstrengen, dem Leser diese Geschichte schmackhaft zuzubereiten. Dafür, dass es tatsächlich nicht um die Erzählung von Geschehen, sondern die Personen an sich geht, spricht auch, dass der Part Bruchstück bleibt, der in Unterhaltungsromanen doch der Interessanteste ist: nämlich die Aufklärung des Geschehens. Diese Erzählung geschieht einfach nicht. Was aber geschieht denn nun im Roman, wenn nur noch das Amputat eines Plots erzählt wird? Nun, die Form geschieht. Das Grundmuster des Erzählstrangs fungiert v. a. als Aufhänger zur Untersuchung und Erklärung des Romanpersonals. Was sich genau formal abspielt, wird durchsichtig, wenn man berücksichtig, was ich einleitend über die Erzählweise der Moderne geschrieben habe. Nun kann man zwar nicht dem Gedanken verfallen, Elfriede Jelineks Gier sei direkter Abkömmling der erwähnten Werke von Rilke und Musil. Es finden sich allerdings verschiedene formale Phänomene dieser in jenem wieder:

(1) Der Plot wird in nahezu vollendeter Form zerschlagen. Das bisschen, was überhaupt vorhanden ist, wird repetitiv erzählt, wird rückwärts erzählt, wird vollkommen durcheinander erzählt. Es kommt zu mannigfachen, sehr deutlich vorgetragenen Anachronien, d. h. Analepsen (Rückwendungen im Erzählstrang) und Prolepsen (Vorgriffen im Erzählstrang), die immer nur locker an das direkt zuvor Erzählte angebunden werden. Dazwischen: ein Stoß von Kommentaren. Ein Beispiel für das auseinanderdriftende, intermittierende Erzählen eines Vorgangs ist das Versenken der Toten Gabi im See. Auf den Seiten 98–99 wird beschrieben, wie Kurt Janisch die Leiche in eine grüne Abdeckplane einwickelt, kurz bevor er sie in den See zerrt. Erst über 60 Seiten später, ab S. 160, setzt das unterbrochene Geschehen wieder ein. Zwischendurch: die Erzählung der sexuellen Beziehungen des Kurt Janisch und die erstmalige Präsentation der noch fast lebenden Leiche Gabi. Last but not least wird die Erzählung, wie schon erwähnt, nicht einmal bis zu ihrem Ende in spe, der Aufklärung des Mordes, durchgeführt, wenngleich der Roman 460 Seiten umfasst, mithin genügend Raum bieten könnte. Aber Gier will nicht einfach unterhalten, indem ein klassisches Thema zum x-ten Mal durchgearbeitet wird. Der Untertitel ist ironisch resp. zynisch zu verstehen.

(2) Der Erzähler lebt seine Neigung zur Abschweifung in nachgerade vollendeter Form aus. Dabei ist dieses Abgleiten des Erzählens, was das Plot-Geschehen nur mehr als Randnotiz erscheinen lässt, nicht analytisch (wie bei Musil), sondern kommentarartig, dabei zynisch-wütend, boshaft bewegt, mitunter ausführlich. So wird beispielsweise ab S. 75 der Baggersee, in dem der Mörder Kurt später die tote Gabi versenken wird, über dutzende von Seiten hinweg beschrieben. Ein Vorgang, der immer wieder zu bissigen Anmerkungen über den Menschenschlag führt, der sich in der Umgebung dieses Sees für gewöhnlich tummelt. Z. B.:

Diese Menschen gehen nicht in der unüberblickbaren Welt der Reichen herum. Es sind öfter Familien mit kleineren Kindern […]. Meist sind es aber Pensionisten, deren Lebensabend ihnen das ganze Fernsehprogramm gönnt, weil sie in der Früh nicht aufstehen müssen. […]
Da gehn schon wieder zwei Leute, nein, drei, in Wanderhosen und Bergschuhen, ausgerüstet mit Stöcken, auf diesem schmalen Wegerl, auf dem man notfalls auch mit Stöckelschuhen gehen könnte, denn es bietet keinerlei Geländeschwierigkeiten. Doch zünftig für die grobschlächtigen Berge aufgetakelt, so macht es halt mehr Spaß und kostet auch nicht viel mehr. Das sind Leute, die würden sich noch im Sarg passend und bequem (damit sie sich dort öfter mal umdrehen können), aber doch preiswert kleiden für den Himmel, damit man sie dort überhaupt hineinläßt. (S. 83–84)

Die Beschreibung des Sees mündet erst 25 Seiten später wieder in das Plot-Geschehen. Beispiele dieses ätzenden Spotts sind Legion und gleichsam der rote Faden des Romans, sie übernehmen quasi eine den Leser leitende Funktion, die der Erzählung an sich, dem Plot nicht mehr zukommt. Das Erzählen, die Art und Weise, das Wie rückt in den Vordergrund. Gleichwohl sollte man nicht übersehen, dass solch ausufernde Abschweifungen grundsätzlich nutzbar gemacht werden, um das dürftige Geschehen mit Bedeutung aufzuladen. So könne für den ökologisch toten See summa summarum gelten: Es fehlt ihm das entscheidende Detail, daß Leben in ihm ist. (S. 76) Die Leblosigkeit der Ermordeten, die letztlich in ihm versenkt wird, korrespondiert mit der Abgestorbenheit des Baggersees. Gleiches gilt für das immer wieder auftauchende Motiv des Bergrutsches aufgrund zu intensiven Bergbaus, der diesen Berg aber nicht aufgebaut hat (Berufsangabe ist unrichtig!) (S. 197). Der hohle Berg, der sich nicht aufrecht halten kann, der in sich zusammenfällt und infolgedessen eine Katastrophe verursacht, spiegelt die Konstitution der zu seinen Füßen lebenden Menschen wider. Deren Kollaps mündet parallel zu dem des Berges ebenso im Unheil: Das alles haben wir dem Bergbau zu verdanken, daß wir so hohl sind. (S. 189)

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