
(3) Die Personen scheinen nicht mehr vollkommen über sich selbst zu verfügen. All ihre Handlungen sind eingebunden in ein Bedingungsgefüge, das zu zwanghaftem, willenlosem Verhalten treibt. Dabei basiert dieses triebhafte Moment nicht vornehmlich auf der Unmöglichkeit, die hochkomplexe Welt in ihrer Gänze zu erfassen (wie bei Rilke oder Musil). Vielmehr ist die Stumpfheit in der Wahrnehmung von Weltwirklichkeit und mangelnder Reflexionswille der Figuren ausschlaggebend. Das Personal orientiert sich an künstlichen Bildern aus einer entpersonifizierten Lebensumwelt. Das Foto von Gabi, welches auf den Suchplakaten der noch Vermissten, aber schon längst Toten abgebildet ist, zeigt im Grunde nicht sie selbst, sondern Elemente, die sich der Teenager aus der medialen Umwelt zusammensuchte und aus denen er sich dann zu einer Kunstfigur zusammensetzte:
“Obwohl sie alle die Gabi zumindest vom Sehen gut kennen, sie ist ja hier aufgewachsen, kommt sie ihnen auf dem Foto fremd vor. […] Eine vollkommen andre Seite zeigt sich hier, die man im Leben nicht bemerkt hat. Andrerseits ist ihnen so ein Aussehen aus den Zeitschriften […] völlig vertraut, und auch daß die Gabi mehr aus- als angezogen ist auf dem Foto, kommt ihnen normal vor, seit sie die Mattscheibe haben, also seit Jahrzehnten schon. (S. 310)
Das Verschwinden dieses Mädchens ist gar kein Problem, denn es ist dermaßen vielfältig vorhanden. Es hat sich genauso hergerichtet wie alle anderen (S. 166).
In Ansätzen lässt sich diese Form des Erzählens, deren Fundament auf freiem Assoziieren, Umdeutung von Sprichwörtern oder einem Allzu-wörtlich-Nehmen steht, schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beobachten. Jelinek führt jedoch Phänomene, die man dort bereits findet, ungleich radikaler durch und beschenkt sich en passant mit einem charakteristischen, ausdrucksvollen Stil. Die vom Mann ausgehende Gewalt (hier nur stiefmütterlich thematisiert, vielleicht aber das Thema des Romans), unter der in Gier allein die Frauen zu leiden haben, gewinnt durch die ungeschönte Beschreibung der männlichen Gewaltobsessionen und der allzu großen Nachgiebigkeit, ja Naivität, mit der sich Frauen ihr ergeben, in Verbindung mit Jelineks Sprache an ungewöhnlicher Plastizität. Das macht den Roman wertvoll und zu einem Lesevergnügen (das natürlich im Geruch des Obszönen steht; wer gibt schon gerne zu, im Konzert der Grausamkeiten sein Vergnügen zu finden). Möglich wird dieser andere Blick aber erst durch die Fokussierung auf die Figuren in der oben beschriebenen Weise. Folge ist das Verblassen des Handlungsstrangs. Die so entstandenen Personenbilder stimmen nachdenklich, gerade weil sie aus Alltagsmythen unserer Zeit kreiert wurden. Kommt es am Ende des Romans auch nicht zu einer Aufklärung des Mordes, so erklärt er doch das Personal und dessen Handlungen. Der Leser bekommt somit zwar ein Stückchen Welterklärung, aber kein Stück Sinnstiftung serviert. Das wäre dann doch zu altbacken.
Bleiben zum Schluss wohl noch zwei Fragen: Kann man für so etwas einen Nobelpreis bekommen? Sollte man so etwas lesen? Und die Antworten: Ja, man kann. Ja, man sollte.
Nico Dorn, 2005
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© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008