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[6. November 2007]

So weird!

David Lynch hat es schon wieder getan

Abstract
Das amerikanische Kino lässt sich beileibe nicht auf jene Fließbandprodukte reduzieren, die die Filmindustrie in Hollywood alljährlich hervorbringt. Daneben hat es immer Regisseure wie Jim Jarmusch oder Gus Van Sant gegeben, die künstlerisch ambitionierte Filme drehten. Zu den Vertretern des progressiven Autorenfilms gehört natürlich auch David Lynch, der den Traumwelten Hollywoods in der Vergangenheit immer wieder mit seinen verfilmten Albträumen begegnete. 2007 kam Inland Empire, sein bisher letzter Film, in die deutschen Kinos. Eine Rezension.

Eine Nadel holpert durch die Rillen einer Schellackplatte, ein polnisch sprechendes Paar geht auf ein Zimmer, eine weinende Frau sitzt vor einem Fernseher ohne Bild, Menschen in Hasenkostümen verkörpern das Personal einer Sitcom. Auftritt. Applaus. Einer der Hasen: What time is it? Wohlwollendes, aufrichtig amüsiertes Gelächter aus dem Off. Ein guter Witz!

 

Es fällt nicht leicht über Inland Empire, David Lynchs jüngsten Film, zu schreiben. Denn die einzige allgemeine Aussage, der wohl jedermann zustimmen könnte, ist, dass es sich bei ihm um einen dreistündigen Albtraum handelt. Ein verwirrendes Konglomerat aus rätselhaften Bildern und Dialogen, aus Schockmomenten und – auffällig selten – absurdem Witz. Versuche, die oft irritierenden Details zu deuten, müssen wohl vage, subjektive, allenfalls durch persönliche Gefühle gestützte Meinungsäußerungen bleiben. Nicht umsonst wird die Frage nach der Zeit gleich in einer der ersten Szenen ins Panoptikum der Absurditäten verwiesen, denn das Geschehen der nächsten Stunden lässt sich weder logisch noch chronologisch vollständig fassen. Wovon sein Film handelt, wusste bei der Premiere im September 2006 auf der Biennale in Venedig nicht einmal Lynch selbst zu sagen.

[Filmplakat zu »Inland Empire«]

Inland Empire, Regie und Drehbuch: David Lynch, 172 Min., USA/Frankreich/Polen 2006 [Bildquelle]

Natürlich gibt es Motive, die dazu einladen, sich an ihnen zu orientieren, sie nachzuerzählen. Das Wichtigste an einer solchen Nacherzählung wäre jedoch die Feststellung, dass alles, was sich in Worte fassen lässt, bestenfalls zeitlich befristeten Halt gewährt. So kann man zwar (scheinbar) problemlos behaupten, dass eine von Laura Dern verkörperte Schauspielerin in Inland Empire einen Film dreht (mit Jeremy Irons als Regisseur). Da sich der Film im Film aber tief in den Hauptfilm hineinfrisst, ist es unmöglich eine Grenze zwischen diesen beiden Erzählebenen zu ziehen. Sie als hierarchisch voneinander getrennt zu begreifen, scheint unpassend. Sie schieben sich nicht über-, sondern ineinander. Dern (alarmiert): Something’s happened! I think my husband knows about you… about us. He’ll kill you… and me, he’ll… [lachend:] Damn! That sounds like a dialogue from our script! – Irons: Cut! Cut it! What’s going on? – Dern (verwirrt): What?

Die in solchen Szenen idealtypisch hervortretende Unmöglichkeit, die Ebenen des Erzählens in Inland Empire fein säuberlich voneinander zu trennen, ist ein nachgerade typischer Zug von Lynchs Filmen, der sich in den Figuren fortsetzt. Über sie zu sprechen ist fast schon unmöglich, weil immer die Ungewissheit darüber bleibt, wer sie eigentlich sind. So wird Dern im Nachspann zwar als Darstellerin von Nikki Grace und Susan Blue aufgeführt. Wo die Grenze zwischen den beiden Charakteren zu ziehen ist, bleibt jedoch vollkommen unklar. Jegliche personelle Integrität scheint aufgehoben. Die verschiedenen Rollen sind miteinander verwachsen, so wie sich der Film, der im Film gedreht wird, in den Film, der auf die Leinwand (sowohl im Film als auch im Kino, in dem wir sitzen) geworfen wird, hineingefressen hat. Eine Verschachtelung, die im Begriff ist, die Grenze zur Unverständlichkeit zu überschreiten.

Dass Lynch die Unmöglichkeit, die verschiedenen Erzählebenen seines Werks voneinander zu scheiden, derart in den Vordergrund rückt, hat den Rang einer poetologischen Aussage, wird doch die gemütliche Illusion der Fiktionalität des Leinwandgeschehens auf diese Weise gänzlich zerschlagen. Lynchs Film verweigert sich dem ästhetischen Konzept der Guckkastenbühne, das jeglichen Zusammenhang zwischen Fiktion und Realität verneint. Der Zuschauer soll sich offenbar als Teil jenes bodenlosen Abgrunds wahrnehmen, in den die Protagonisten gerissen werden. Ihm soll bewusst werden, dass jeder in sich ein dieser Albtraumwelt ähnelndes düster-unzugängliches Reich, ein Inland Empire trägt.

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© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008

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