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[7. Juli 2003]

Ist die Entscheidung, persönliche Probleme zu lösen (bei Pierre haben diese Probleme immerhin einen allgemeinen Charakter), dafür die Hinwendung zum Partner zurückzustellen, als individuelles Versagen der Figuren einzustufen? Nein, Pierres und Eves Versagen in diesem alles entscheidenden Moment stellt sich, zumal die zentralen Personen sich schon zuvor als solche erwiesen haben, die keine Spezialprobleme, sondern Allgemeinmenschliches darstellen, als ein Versagen des Menschen an sich heraus. Der Mensch, so mutet es an, kämpft darum, seinen Einsatz bei schon rollender Kugel noch einmal zu verschieben, obwohl er genau weiß, dass die Regeln des Spiels es nicht zulassen und dergleichen Ansinnen vergebliches Bemühen ist. Der ganz private Kampf des Einzelnen ist also ebenso zwecklos wie absurd, trägt aber die Maske des Unausweichlichen.

Betrachtet man die Figuren auf diese Weise, rückt ihre Konstitution verdächtig in die Nähe der Philosophie eines lange Zeit mit Sartre befreundeten Existenzialisten: Albert Camus, dessen Nachname übrigens im Hauptbuch der Angestellten an der Pforte zum Tode in einer Szene von dieser genannt wird. Wohl ein Bonmot Sartres. (Camus und Sartre hatten 1947, das Entstehungsjahr von Sartres Das Spiel ist aus und Camus’ Die Pest, wodurch dieser Weltruhm erlangte, noch nicht miteinander gebrochen. Das sparte man sich für 1952 auf.)

Pierre und Eve kann man im Sinne Camus’ als Charaktere sehen, die der Absurdität der Welt voll ausgesetzt sind. Sie tragen in ihrer Zwiespältigkeit das typische Symptom des Absurden. Die Zerrissenheit, das Erscheinen der Uneinheitlichkeit der Personen ist, Camus folgend, sowohl zwischen dem einzelnen Menschen und der Welt als auch im Menschen selbst anzutreffendes Merkmal des Absurden. Im Buch konkret festgemacht werden kann die Zerrissenheit der Personen daran, dass Pierre sich weder für die Zwänge der Welt noch für seine Liebe zu Eve entscheiden kann. Gleich welche Alternative er wählt, es ist die falsche, sie weist keinen Weg aus seiner Zerrissenheit. Bezeichnend hierfür ist die Art, auf die er zum zweiten Mal stirbt: Er steht in einer Telefonzelle, die sich in einem Schuppen befindet, der wiederum als (nun nicht mehr) geheimer Versammlungsort der Verschwörer gegen das Regime fungiert, und wird von Kugeln der Milizionäre durchsiebt, alldieweil er mit Eve (!) telefoniert. Er steht also mit den beiden Polen, die für seine Zerrissenheit stehen, in Kontakt und geht zugleich zugrunde.

Sind sie den absurden Fährnissen des Daseins auch ausgeliefert, kann man Pierre und Eve dennoch nicht als absurde Menschen bezeichnen. Ihr Leben und Weben hat nur alle Kennzeichen der Absurdität, was sie jedoch noch lange nicht zu absurden Menschen macht. Denn in der Philosophie Camus’ ist der absurde Mensch dadurch ausgezeichnet, dass er der Zerrissenheit der Welt und sich selbst, kurz: der Absurdität, offen ins Auge sieht und gegen sie kämpft. Dabei müsse der absurde Mensch jedwede Hoffnung ausschließen und in bewusster Unzufriedenheit alles ablehnen. Der ziellose Kampf gegen das Absurde erscheint als Zweck, dessen Zwecklosigkeit offen anerkannt wird. Im Mittelpunkt steht demnach der Kampf gegen das Fatum, und es ist blankes Glück, was einem hierbei widerfährt. Diesen Gedankengang weitergestrickt kann Camus denn auch behaupten, dass der Kampf des Sisyphos, der im Hades unendliche Versuche unternehmen muss, einen Stein einen Berg hinaufzurollen, gleichwohl ihm derselbe wieder und wieder kurz vor dem Gipfel ins Tal hinabrollt, ein glückerfüllter Mensch sei. Für den absurden Menschen ist die Welt weder rational […] noch irrational. Sie ist unvernünftig, nichts weiter (vgl. hierzu Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos). Pierre und Eve erkennen die Absurdität des Daseins nicht, weswegen sie nach ihrem zweiten Tode auch deprimiert und gelangweilt in einem Park herumsitzen und nicht im Mindesten daran denken, den Kampf gegen ihre unveränderliche Entzweiung fortzuführen. Sie überwinden ihr Schicksal nicht, da sie nicht versuchen, es durch Verachtung zu bezwingen.

Zieht man bei der Auslegung des Drehbuchs schon die Existenzphilosophie zu Rate, wie ich es hier getan habe, dann darf man nicht fehlen, den Hauptvertreter ihres französischen Zweiges selbst aufs Tapet zu bringen, zumal er Jean-Paul Sartre heißt. Bezeichnend für die Existenzphilosophen ist, dass sie im Grunde keine festgefügte Schule errichteten, ja sich mitunter dagegen verwahrten, explizit in diese Schublade gesteckt zu werden. So unterscheidet sich die Ausformung der Sartre’schen Philosophie auch von der Camus’. Sartres Ansatz ist nämlich, dass der Mensch zunächst einmal nichts ist. Er ist ein Ding, das einfach nur existiert, das nicht einmal ist, was es ist, sondern einfach ist. Seine Individualität erlange er erst im Zuge seiner Existenz, denn in ihr habe er die Freiheit zu werden. Dieses Werden aber zeichne sich vornehmlich durch (politisches) Engagement aus, was wir auch in der Figur des Pierre wiederfinden. Pierre wird zu dem, was er ist, dadurch dass er existiert und sich engagiert. Das Nichts, aus dem der Mensch sich mittels Engagements heraushob, so Sartre weiter, trachte danach, ihn wieder in seinen Bann zu ziehen. Man kann vielleicht sagen, dass es ihn umwölkt und sich anschickt, ihn in einem Wolkenbruch ordentlich zu durchnässen, auf dass der Mensch ihm wieder ein Stückchen ähnlicher werde. Des Weiteren findet sich bei Sartre der Gedanke, dass der Mensch mit allen anderen Individuen aufs Engste verflochten sei, also immer in Kommunikation mit dem Nächsten, immer intersubjektiv existiere. Selbstredend wird diese Idee auch in Das Spiel ist aus reflektiert. Die Schicksale von Pierre und Eve sind über ihren gemeinsamen Tod hinaus eng miteinander verwoben, was besonders dann deutlich wird, als sich Eves liederlicher Ehemann als Milizsekretär herausstellt. Trafen Pierre und Eve sich im Leben auch nie, so standen sie dessen ungeachtet, ohne es zu wissen, miteinander in Beziehung.

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