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[7. Juli 2003]

Auf der Folie dieser Gedanken wird die Resignation der Protagonisten im Angesicht ihres zweiten endgültigen Todes klarer. Sie können sich nämlich nicht mehr engagieren – die Toten, so haben Pierre und Eve es während der kurzen Phase ihres ersten Todes bereits erfahren, erweisen sich als machtlos gegenüber den Auswüchsen des Lebens, denen sie, gleichsam als Folter, fortwährend beiwohnen müssen. Der Tod des Paares erscheint also in Anbetracht der Sartre’schen Philosophie als doppelt grausam, da er die Menschen nichtet, ihnen jegliche Möglichkeit nimmt, sich selbst zu finden, indem sie durch Engagement werden. Die Tantalusqualen, die er für sie bereitet, sind das eindeutige Wahrnehmen der Not zum Eingreifen in das Weltgeschehen und die damit verbundene Erkenntnis, es nicht zu vermögen.

Aus dieser kurzen Betrachtung lässt sich schlussfolgern, dass der Text einen weiten Hintergrund hat, der über die ironische Spielerei mit der melancholischen Langeweile des Lebens im Tode (schon in der 1925–1928 entstandenen, sehr zu empfehlenden satirischen-traurigen Erzählung Nachher von Kurt Tucholsky findet sich ein solcher Topos) und über die Verknüpfung zweier Schicksale hinausgeht. Das Drehbuch erhellt sich erst durch das Einbeziehen der Gesellschaftsentwürfe, wie sie in der französischen Existenzphilosophie niedergelegt sind.

 

Für eine abschließende Beurteilung des Textes muss noch Folgendes Erwähnung finden. Das Spiel ist aus ist ein Drehbuch und darum auch wie ein Drehbuch geschrieben. Sucht man ein literarisch anspruchsvolles Lesevergnügen, findet man es in diesem Text nicht. Seine Klarheit, also seine nicht durch literarisches Gebaren verbrämt Form, ermöglicht es aber eindeutige Aussagen über den Plot und seine Bedeutung zu treffen – vielleicht sogar bestimmtere, als dies zu anderen Dramen desselben Autors möglich ist. Ferner halte ich es noch für bemerkenswert, dass sich schon aus dem Text eine ganz eigene Philosophie erschließen lässt, wofür die filmische Umsetzung nicht unbedingt vonnöten ist. Moderne Drehbücher können sich von den geistigen Möglichkeiten dieses Textes ein Scheibchen abschneiden. Als grandios bezeichnete, weil als philosophisch angesehene, Filme wie Matrix können da nicht mithalten. Gerade in Matrix werden doch nur uralte, längst abgegriffene Gedanken in ein glitzerndes Stützkorsett gepresst. Da heute allzu viele allzu viel auf den schönen Schein geben, erkennen diese viel zu vielen viel zu wenig, dass sich mit dem technischen Firlefanz dieses Filmchens eine schlichte Epiphanie camoufliert. Der Held heißt hier eben nicht Messias, wie bei den Juden, oder Mahdi, wie bei den Schiiten, oder Jesus, wie bei den Christen, sondern The One. Kurzum: Einiges gegen solche Filme, doch nicht alles (zum Bildersaugen sind sie immer noch gut), dafür vieles für Filme, die auf einer so hervorragenden Basis arbeiten, wie sie beispielsweise Sartre mit seinem Das Spiel ist aus vorgelegt hat.

Nico Dorn, 2003

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© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 14. Dezember 2012

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