
Letztlich wird diese Schwäche der Interviews zugleich zu einer ihrer Stärken. Denn sie macht nicht nur eine kritische Haltung des Lesers gegenüber dem Erzählten nötig. Sie zeigt auch, dass Meinungen auf Wahrnehmungsmustern beruhen, die unter anderem von einem spezifischen kulturellen Umfeld geprägt sind. Dass die Guantánamo-Häftlinge in ihren orangefarbigen Overalls in den Augen der amerikanischen Öffentlichkeit symbolisch als zum Tode Verurteilte stigmatisiert wurden, haben die fünf Interviewten so überhaupt nicht wahrgenommen. Die Symbolik der Farbe Orange im amerikanischen Justizwesen war ihnen schlicht unbekannt. Umgekehrt dürfte es für die Aufseher des Lagers unverständlich gewesen sein, warum die Gefangenen durchweg den Wunsch äußerten, sich ihre Schamhaare rasieren zu dürfen. Von solchen, religiös begründeten Vorschriften hat man dort noch nie gehört.
Diese Details, von denen die Interviews voll sind, ermöglichen es, die Tatsachenbeschreibungen der Ex-Häftlinge weiter und anders zu denken. So kann die Feststellung, dass sie symbolisch zum Tode verurteilt wurden, der Zugang zu einem tiefer gehenden Verständnis des Lagers sein. Ganz offenbar – die Symbolsprache weist darauf hin – hat die US-Regierung mit der Errichtung Guantánamos neben außenpolitischen Zielen auch (vielleicht sogar vor allem) innenpolitische verfolgt. Denn spätestens seit Machiavelli ist allen Politikern die Notwendigkeit bekannt, dass man das Volk zum Freund
haben muss. Von diesem Gedanken ist der Weg nicht weit, die Errichtung eines Lagers, in dem die (vermeintlich) Verantwortlichen für die Anschläge vom 11. September 2001 inhaftiert wurden, als etwas zu verstehen, das nach innen die Handlungsfähigkeit der amerikanischen Regierung belegen soll. Dadurch wiederum sollte einerseits die Wiederwahl und andererseits die Unterstützung weiterer außenpolitischer Projekte (Irak-Krieg) durch das Volk gesichert werden. Dieser Weg war erfolgreich, denn durch nichts kann ein Politiker so hohes Ansehen
erlangen wie durch den außergewöhnlichen Beweis seiner Tatkraft
(Machiavelli). Vice versa lässt sich die (europäische) Kritik am Lager ebenfalls als innenpolitisch gerichtet verstehen: Nämlich als eine Form der Selbstversicherung, die sich bewusst und betont in Opposition zur amerikanischen Handlungsweise setzt. Dass man dabei durchaus nicht frei von Selbstgefälligkeiten und Bigotterien ist, zeigt zum Beispiel die doppelzüngige Haltung der 2005 abgewählten deutschen Regierung in Sachen Irak-Krieg. Im Wahlkampf verkündete man Krethi und Plethi ein entschiedenes Ohne uns
; später unterstützte man die USA durch die Gewährung von Überflugrechten, militärische Entlastung an anderen Fronten usw.
Auch in Anbetracht all der Möglichkeiten der gedanklichen Auseinandersetzung, die die Interviewsammlung von Willemsen bereitstellt, kann man sagen, dass das Buch alles in allem lesenswert, erhellend und, wie ich denke, auch wichtig ist. Da aber manche Aussagen frag-würdig bleiben, sollte man sich seiner Fähigkeit zum kritischen Nachdenken über das Gelesene auf jeden Fall bedienen. Das fällt angesichts der mitunter bestürzenden Details jedoch alles andere als leicht.
Nico Dorn, 2006
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Der Text ist ursprünglich für die Braunschweiger Uni-Zeitung (BUZe) entstanden und dort am 12. Juli 2006 als Kurzfassung erschienen.
© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008