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[14. Juni 2008]

Auf der Grenze zwischen Liebe und Tod – Feridun Zaimoglus Liebesbrand

Abstract
Spätestens durch die Erzählungen in Zwölf Gramm Glück hat er es endgültig bewiesen – Feridun Zaimoglu kann ganz und gar ungewöhnliche Liebesgeschichten schreiben. Jetzt legt er mit seinem neuen Buch Liebesbrand einen Roman vor, der seinen früheren Texten über die Liebe allemal das Wasser reichen kann. Eine Rezension.

Im Anfang steht die Ur-Szene, ein Bild, das das Folgende in sich birgt, das es in mystische Sphären erhebt, von dem alles ausgeht, in das alles zurückfließt. Feridun Zaimoglu lässt seine Romane gerne mit solchen Szenen beginnen, in denen sich Handlung und Bewegung des Gesamttextes bildhaft widerspiegeln. Schon in seinem letzten Roman Leyla nimmt Zaimoglu die Handlung metaphorisch im einleitenden Prolog vorweg. Und zwar durch die Beschreibung einer Wolfsjagd, dadurch, wie die Meister der Wollust ihrem Opfer nachstellen, einem Opfer, das erst später einen Namen erhält: Leyla, die von ihren wölfischen Mitmenschen gejagte und zerbissene. Die Bewegung, die der Roman beschreibt, nämlich die Wanderung Leylas von der Kultur des Orients in die des Okzidents, verpackt er in zwei schmale Absätze, die noch vor der Jagdszene stehen: Dies ist eine Geschichte aus der alten Zeit. Es ist aber keine alte Geschichte. / In Gottes Namen –. Zumindest scheint es so, dass man den kryptischen Anfang auf diese Weise deuten sollte, lehnen sich die einleitenden Worte doch stark an die zweier berühmter Märchen- und Sagensammlungen an: einer okzidentalischen (Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm: In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat) und einer orientalischen (Geschichten aus Tausendundeiner Nacht: Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen!).

Für seinen neuen Roman Liebesbrand beschwört Zaimoglu wieder eine solche Ur-Szene. Das Bild, auf das er hier zurückgreift, ist das des kleinen Todes, der petite mort, jene dem Orgasmus folgende und mit dem Tod assoziierte Erfahrung der Ohnmacht, bei der die Umwelt in einem Nirgendwo verschwindet. Die Versprechen der Liebe und die Bedrohung durch den Tod bilden in dieser Metapher, genauso wie in der erzählten Geschichte, merkwürdigerweise eine unauflösliche Einheit. Aus diesem Grund lässt Zaimoglu Liebesbrand mit einer, sich später als nur vorgestellt erweisenden Todeserfahrung beginnen: Es wurde dunkel, es wurde hell, dann aber starb ich. Der Erzähler, David, gerät in eine Katastrophe, ein Busunglück, bei dem er seinen vermeintlichen Tod als apokalyptische Offenbarung erlebt, die ihn kurzfristig in die kleine Hölle vor dem Eintritt in das große Paradies führt, die ihm einen Eindruck von jenem dunklen Traum jenseits des Lebens gibt. Ein Traum, aus dem David rasch wieder erwachen wird, um direkt in den Strudel einer Liebesgeschichte gezogen zu werden. Bezeichnend ist, dass er, kurz nachdem er sich aus dem brennenden Wrack des Busses, mit dem er verunglückte, retten konnte, beim Aufschlagen der Augen, also in dem symbolischen Moment, in dem sein Todestraum endgültig beendet ist, eine Frau erblickt: Tyra. Tyra, die nichts tut, als ihm, dem Verletzten, einen Schluck Wasser anzubieten, entfacht schon hier, wortwörtlich im ersten Augenblick den Liebesbrand in David, der seine triebhaften Aktivitäten über die gesamte Länge des Romans befeuern wird. Tod und Liebe sind schon hier, wo die Geschichte beginnt, zwei Zustände, die enger miteinander verwandt erscheinen, als dies im Allgemeinen von ihnen angenommen wird.

Von nun an wird David Tyra ununterbrochen nachlaufen, um ihre Liebe zu gewinnen. Sie ist das Traumbild, das ihn durch halb Europa (Türkei, Deutschland, Tschechien, Österreich) hetzen lässt, immer auf der Suche nach seiner Schönen, um die er bei jeder Begegnung heftig wirbt; dabei keineswegs monogam verknöchert, sondern lebhaft promiskuitiv, auch Gelegenheiten, die sich am Wegesrand bieten, nicht außer Acht lassend. Ferner wird er auf allerhand skurrile Gestalten treffen: Patienten in einem Krankenhaus, die sich vorzugsweise nach dem Organ ihrer Krankheit nennen; einen ehemals kämpfenden Maoisten, der sein Geld damit verdient, gefälschte Alraunmännchen an Abergläubische zu verschachern; ein Prager Künstler, der das selbst geknetete Gesicht einer Heiligenfigur an Touristen verkauft; ein Wirt, der aus einem durchaus nachvollziehbaren Grund nur eine beschränkte Auswahl an Gerichten anbieten kann: Bin besoffen, großes Menü geht nicht; usw. Zusätzlich verwebt Zaimoglu in seinen Text kurze Sagen und Träume, findet er immer wieder Abwege, von denen er seine Figuren erzählen lassen kann.

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