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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Apollon
  3. 3 Dionysos
  4. 4 Schlussbemerkung
  5. 5 Literaturverzeichnis
    1. 5.1 Quellen
    2. 5.2 Darstellungen
  6. 6 Bildnachweis

[8. März 2006]

Das Apollinische und das Dionysische

Nietzsches Gegensatzpaar im antiken Mythos

Abstract
Die Arbeit nähert sich dem antiken Mythos von Apollon und Dionysos anhand literarischer Quellen. Der Eigenschaftengegensatz, den Nietzsche den beiden Göttern in seiner Geburt der Tragödie zuschrieb, wird anhand der Ergebnisse sodann kritisch überprüft.

1 Einleitung

Neujahr 1872 erschien Friedrich Nietzsches ästhetische Betrachtung Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. Zentral für sein Werk ist der von ihm aufgestellte Gegensatz zwischen apollinischem und dionysischem Kunstverständnis. Angelehnt hat er diese von ihm geformten Termini an zwei Götter des antiken Mythos: Apollon und Dionysos. Nietzsche:

An ihre [der Griechen] beiden Kunstgottheiten, Apollo und Dionysus, knüpft sich unsere Erkenntnis, dass in der griechischen Welt ein ungeheurer Gegensatz, nach Ursprung und Zielen, zwischen der Kunst des Bildners, der apollinischen, und der unbildlichen Kunst der Musik, als der des Dionysus, besteht[1].

Seine Untersuchung des Entstehens, der Eigenart und des Untergangs der griechischen Tragödie baute Nietzsche auf der philosophischen Grundannahme auf, dass nur als ästhetisches Phänomen das Dasein der Welt gerechtfertigt ist.[2] Mittel- und Ausgangspunkt seiner Betrachtung war demnach die Kunst. Da er in seinem Werk den dionysischen Charakter der Kunst immer höher als den apollinischen bewertet[3], gipfelt seine Betrachtung folgerichtig in einer Apologie der Musik Richard Wagners als künstlerischer Ausdruck, der der ekstatischen Urkraft des Dionysischen, wie Nietzsche es verstand, gemäß erscheint[4].

Die ausgesprochen rege Aufnahme von Nietzsches Text in Künstlerkreisen und die immense Wirkung sowohl auf bildende Kunst als auch auf Literatur lassen Nietzsches Text heute als allemal gerechtfertigt erscheinen, wenngleich Fachkollegen seiner Zeit – Nietzsche war Altphilologe – seinen Interpretationen mitunter aufs Schärfste widersprachen. So finden wir zum literarischen Werk eines Thomas Mann, Hermann Hesse oder Hugo von Hofmannsthal nur dann einen adäquaten Zugang, wenn der von Nietzsche aufgestellte Gegensatz zwischen apollinischem und dionysischem Kunstverständnis in Betracht gezogen wird. Eine eingehende Untersuchung dieses Umstandes jedoch kann nicht Thema dieser Arbeit sein.[5]

Vielmehr soll hier der Frage nachgegangen werden, wie der Altphilologe Nietzsche überhaupt auf den Gedanken kommen konnte, aufgrund der Betrachtung des antiken Mythos von Apollon und Dionysos derartige ästhetische Ansichten zu äußern, derartige Schlussfolgerungen zum Verhältnis der beiden Gottheiten zu ziehen. Werden sich die beiden Brüdergötter tatsächlich als mit diametral entgegengesetzten Eigenschaften ausgestattete Figuren erweisen oder sich trotz aller Gegensätze auch Gemeinsamkeiten aufzeigen lassen? Nietzsches Frage, welche aesthetische Wirkung entsteht, wenn jene an sich getrennten Kunstmächte des Apollinischen und des Dionysischen neben einander in Thätigkeit gerathen[6], soll ebensowenig im Zentrum der Betrachtung stehen. Inwiefern sie im antiken Mythos tatsächlich nebeneinander traten oder sich voneinander distanzierten, welche Eigenschaften ihnen von den alten Griechen selbst zugesprochen worden sind, wird eine hier zu klärende Frage sein. Ob Nietzsche in seinem berühmten Werk nur ein gewagtes Gebäude konstruierte, um seinen philosophischen Ansichten von der Bedeutung der Musik als originären Kunstgenuss[7] und Fundament des Weltverständnisses Vorschub zu leisten, und ob die Kritik seiner zeitgenössischen Altphilologenkollegen in ihrer Vehemenz als gerechtfertigt angesehen werden darf[8], soll schließendlich eine summarische Schlussbetrachtung ergeben.

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[1] Nietzsche GdT: S. 21.

[2] Ebd.: S. 11.

[3] In seinem später verfassten Vorwort betont Nietzsche, dass er in Die Geburt der Tragödie versucht habe, sich dem ungeheuren Phänomen des Dionysischen (ebd.: S. 6) zu nähern. Seine fortwährenden Anwürfe gegen den Sokratismus (Vgl. hierzu z. B. ebd.: S. 85–86), den Nietzsche als eine dem Dionysischen entgegengesetzt Geisteshaltung der Ratio identifizierte und ergo mit dem Apollinischen gleichsetzte, sprechen auch für diese Gewichtung.

[4] Vgl. hierzu Kap. 24 u. 25 in Nietzsches Schrift (ebd.: S. 145–152).

[5] Nur zwei knappe Beispiele für die Rezeption der Gedanken Nietzsches: In Hermann Hesses Narziß und Goldmund verteilt der Autor die von Nietzsche beschriebenen Eigenschaften auf die beiden Protagonisten. Narziß repräsentiert hier das Apollinische, wohingegen sein Freund Goldmund dionysische Attribute zugesprochen bekommt. In Thomas Manns Tonio Kröger findet sich die Gegenüberstellung schon im Namen der Hauptfigur: das südlich-lebhafte Element (Tonio) als Ausdruck des Dionysischen und der auf nordisch unterkühltes Grüblertum verweisende Nachname (Kröger).

[6] Nietzsche GdT: S. 100.

[7] Hier war Nietzsche im Übrigen stark vom Werk Arthur Schopenhauers beeinflusst, was auch an den mitunter weitschweifigen Zitaten aus Schriften seines Vorbildes offenbar wird (vgl. ebd.: S. 101–103; siehe hierzu auch Schlechta 2000: S. 783, Anm. zu S. 15).

[8] Zwar erlangte Nietzsche mit seinem Buch auch Zustimmung heute namhafter Persönlichkeiten wie Jacob Burckhardt oder Richard Wagner, doch ruinierte eine bereits im Mai 1872 erschienene Schrift des Altphilologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff Nietzsches Ruf in Fachkreisen vollends (vgl. Schlechta 2000: S. 781–782).

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