
[8. März 2006]
Wie weit die Trance der Mänaden gehen konnte, versuchte Euripides in den Bakchen anhand der Geschichte des Pentheus und seiner Mutter Agaue zu zeigen. Pentheus, Herrscher von Theben, der dem Dionysoskult gegenüber feindlich eingestellt war, verfolgte die den Kult ausübenden Personen und ließ sogar – was er nicht erkannte – Dionysos selbst festnehmen. Dieser überredete ihn dann, sich das Treiben der Mänaden im Wald, von dem Pentheus zugleich gebannt und abgestoßen war, mit ihm zusammen anzusehen. Bei diesem Angebot Dionysos’ handelte es sich jedoch um eine Falle, und so wurde Pentheus von den wütenden Mänaden zerrissen, allen vorweg von seinen Schwestern Ino und Autonoe und seiner Mutter Agaue. Agaue, vom Wahn beseelt, einen Berglöwen erlegt zu haben, griff sich das abgerissene Haupt ihres Sohnes und steckt es sich auf ihren Thyrsosstab.[70] So kehrte sie nach Theben zurück, freudig ausrufend:
“
Abb. 3: Der hässliche Dionysos
; Maske des Gottes auf einer Halsamphora, um 530/520 [Quelle]
Agaue verstieg sich gar zu der Forderung, das vermeintliche Berglöwenhaupt an die Schlossfassade, an die Triglyphen, nageln zu lassen[72], bis ihr Vater Kadmos sie endlich zur Raison brachte[73].
Der hier unverhohlen auftretende dionysische Rausch ist eng mit dem bekanntesten Attribut des Gottes verbunden: dem Wein. Der Wein ist der bedeutendste Verweis darauf, dass Dionysos Vegetationsgott war, wobei er nicht den Ackerbau, sondern vielmehr Baumzucht und eben Weinbau verantwortete.[74] Hieraus wird die Tendenz, die Dionysien in der wilden Natur, im Wald zu begehen, verständlicher. Denn so können sich die Anhänger von ihnen im eigentlichen Element des Gottes geborgen wissen. Aber auch die Tatsache, dass der Dionysoskult mit dem Symbol des Phallus eine Verbindung eingegangen ist, erwächst aus der Eigenschaft des Gottes als Vegetationsgott. Der Phallus ist nicht nur Objekt der Erregung zur Steigerung des dionysischen Rasens, sondern auch Zeichen der Fruchtbarkeit, die wiederum unabdingbar zu einem Vegetationsgott zu gehören hat.[75]
Nilsson äußerte die Ansicht, der Wein diene nicht zur Erregung der dionysischen Ekstase, sei schlicht Element des Ritus um Dionysos.[76] Eine Ansicht, die meines Erachtens ein wenig abwegig scheint. So konstatiert Burkert entgegen der Meinung Nilssons, dass der Weinrausch als Einbruch eines Göttlichen gedeutet
[77] worden sei, was zugleich bedeutet, dass er eng mit dem dionysischen Enthusiasmus verbunden gewesen ist. In den Bakchen erscheint der Wein als Getränk, das das Dasein des Menschen verbessere:
“der Semele Sproß, erfand – an WertIhr gleich – der Rebe feuchten Trank, führt’ ein ihn beiDen Menschen, der die armen Sterblichen befreitVom Leid, wenn sie sich laben an des Weinstocks Saft,Schlaf ihnen schenkt, Vergessen aller Mühn des Tags[78].
Trinkt man Wein, so klingt es hier, dann trinkt man Lethe. Doch der Wein ist vom Gott des Weines, Dionysos, der Semele Sproß
, nicht nur erfunden worden, sondern nachgerade der Gott selbst. Man spendet ihn den Göttern, ihn, den Gott als Wein
[79], heißt es einige Verse später. Dionysos wird in diesem Vers mit dem Wein identifiziert, was im Umkehrschluss bedeutet, dass er mit dem Wein konsumiert wird. Diese Annährung an den Gott, dieses Erfülltwerden vom Gott korrespondiert mit den oben erwähnten Gebräuchen, sich nach der Omophagie mit dem Fell des Tiers zu kleiden, das, ebenso wie hier der Wein, mit ihm gleichgesetzt wurde. Erscheint der Wein aber als derart essentielles Mittel zum Erreichen des Enthusiasmus, der eng mit der Ekstase verbunden ist, lässt sich die Ansicht Nilssons, er diene keineswegs dem Rausch, nicht mehr halten.
Ebenso wie Apollon wird Dionysos auch als Orakelgott beschrieben, wenngleich seine Bedeutung in dieser Funktion als untergeordnet angesehen werden darf. So weist Nilsson darauf hin, dass nur ein einziges Orakel des Dionysos in Griechenland bekannt sei, zu Amphikleia in Phokis.[80] Gleichwohl findet sich in einer Schrift, die Aristoteles zugeschrieben wird, die Erwähnung, dass die Priester in einem Dionysosorakel Thrakiens, nach starkem Weingenuss geweissagt hätten.[81] Der Weinrausch in Verbindung mit der Eigenschaft als Orakelgott aber weist auf die ekstatische Mantik der Pythia, der weissagenden Priesterin des Apollon in Delphi. Der Rausch, der bei Apollon nicht zu dessen eigentlichem Element zu zählen ist, ermöglicht hier wie dort die Verbindung mit dem Gott, der dem Seher die Wahrsprüche eingibt. Die Verbindung von Rausch und Mantik sah auch Euripides:
“Ein Seher ist der Gott [Dionysos]. Bakchisch verzückt sein undVoll Raserei birgt hohe Seherkunst in sich.Denn wenn der Gott in jemands Leib ganz eingeht, läßtEr kund die Zukunft tun die Wahnbefallenen.[82]
[70] Vgl. Euripides Bakchen: V. 1109–1143.
[72] Vgl. ebd.: V. 1214.
[73] Vgl. ebd.: V. 1263–1284.
[74] Vgl. Muth 1988: S. 115, Nilsson 1955: S. 585.
[75] Vgl. Nilsson 1955: S. 601, Burkert 1977: S. 259.
[76] Vgl. Nilsson 1955: S. 586.
[78] Euripides Bakchen: V. 278–282.
[80] Vgl. Nilsson 1955: S. 569.
[81] Vgl. Otto 1996: S. 132.
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