
[26. Juli 2003]
Die Liebenden von Manhattan jedoch streben keinen Zustand an, der sie in ein Gleichgewicht mit der Gesellschaft stellt.[39] Ihr Prinzip ist das der Absonderung. Sie entfernen sich immer mehr von der Welt – symbolisiert durch das langsame hinaufsteigen von der Straße bis in den 57. Stock – und schaffen sich gar eine neue, eine andere Sprache[40]: eine Symbol dafür, dass ihr Zustand für diejenigen mit der alten
Sprache zunehmend unverständlicher werden muss.
Das Vergehen von Francesca und Paolo ist, wie bei Tristan und Isolde, ein Ehebruch. Francesca ist Schwägerin von Paolo. Die beiden lesen an verschiedenen Nachmittagen gemeinsam einen Lancelot-Roman und können, als sie in dessen Liebesgeschichte schwelgen, nicht mehr an sich halten: Sie küssen sich. Francescos Bruder Gianciotto tötet die beiden Liebenden, die nach ihrem Tode in die Hölle der Fleischeslüstigen verdammt werden:
“Ich wußte, daß zu solchen HöllenqualenVerdammt die Sünder aller Fleischeslüste,Die die Vernunft den Wünschen unterwerfen.[41]
Die beiden Liebenden haben sich also auch hier, wie es schon bei allen vorhergehenden Paaren als auch bei Jan und Jennifer herausgestellt wurde, nicht der Gesellschaftsraison, der Vernunft
ergeben, sondern ihre eigenen Wünsche
ausgelebt. Außerdem finden wir erneut das Motiv der sich dehnenden, beziehungsweise stillstehenden Zeit, welches zugegebenermaßen nur zwischen den Zeilen hindurchschimmert. Die gewöhnliche, alltägliche Beschäftigung von Francesca und Paolo war das gemeinsame Lesen. Und gerade diese Konstante wird beim Erkennen der gegenseitigen Liebe durchbrochen. Francesca: An jenem Tage lasen wir nicht weiter.
[42]
In der Fabel von Abälard und Heloïse finden wir wiederholt ein Vergehen gegen festgelegte gesellschaftliche Rollen. Abälard war der Lehrer von Heloïse, jedoch wollte er forthin etwas mehr als Lehrmeister seyn
[43]. Heloïse merckte endlich dieses verborgene Spiel ziemlich deutlich / und ließ Ihr nicht gäntzlich unangenehm seyn / […] bedient zu werden
[44]. Die Geliebte wird unweigerlich schwanger und bringt einen Sohn zur Welt, woraufhin Peter Abälard ihr einen Heiratsantrag macht, den sie anfangs wohlweislich ablehnte und dem sie erst nach einigem Drängen zustimmte. Sie ahnte, dass ihres Vettern rachgieriges Gemüthe durch nichts dergleichen würde besänfftiget werden können
[45]. Eben dieser Vetter ist es denn auch, der Abälard aus Rache kastrieren lässt. Er, der die beiden zuvor in der ganzen Stadt verleumdete, fungiert hier quasi als Richter und Henker der Liebesbeziehung. Richter, da er sich entschied, die beiden gegenüber der Öffentlichkeit zu desavouieren, und Henker, da er dem Vollzug der Liebe durch die von ihm beauftragte Kastration Abälards ein Ende setzte.
[39] Jan äußert, dass er keinen Beruf mehr haben und keinem Geschäft nachgehen kann [und] nie mehr nützlich sein
wolle (WA 1, S. 321).
[40] Ich weiß nichts weiter, nur daß ich hier leben und sterben will mit dir und zu dir reden in einer neuen Sprache
(ebd., S. 321).
[41] Dante 2001: Inferno 5, 37–39.
[42] Ebd.: Inferno 5, 138; vgl. zur Zeitproblematik die Ausführungen auf S. 4 u. S. 5.
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