TextTexturen

Zum Inhaltsanfang springen

Navigation

Wegweiser

Seiten

1  2  3  4  |5|  6  7

Inhaltsverzeichnis

[13. März 2004]

Ein in einer Diskussion durchaus angezweifelter und ein wenig verschrobener Einfall von mir soll hier auch noch Erwähnung finden. Eine Parabel ist literaturtheoretisch betrachtet ein verselbständigter Vergleich. In der Ringparabel wird sogar eindeutig, wie ich finde ein wenig plump, betont, dass die Ringe mit den drei Religionen verglichen werden sollten. Was aber ist ein Vergleich? Zu einem Vergleich gehören zwei Gegenstände: das Verglichene und das Vergleichende, Bild und Gegenbild. Beiden Phänomenen gemeinsam ist ein Berührungspunkt, eine beiden anhängende Eigenschaft, Eigenart: das Tertium comparationis, das Dritte des Vergleichs. Im geflügelten Vergleich sie hat Haar wie Gold wäre dem Verglichenen (Haar) und dem Vergleichenden (Gold) zum Beispiel die Eigenschaft zu strahlen gemein.

Aus diesen grundsätzlichen Überlegungen ergeben sich unter Beachtung der in der Ringparabel auftretenden Phänomene folgende Schlüsse. Die drei Ringe entsprechen den drei Religionen. Gemeinsam ist beiden Ebenen dieses Vergleichs, dass sie für die Menschen, die sie besitzen, Zugehörigkeit symbolisieren, ihre Stellung im Gefüge der Welt beschreiben. So hat der Besitzer des wahren Ringes die Position des Familienoberhaupts inne. Teilhaber an der wahren Religion sind dementgegen mit der Führung in der Welt begabt, da sie ihren Machtanspruch von Gott selbst herleiten können. Vergleichsmoment zum Vater in der Parabel aber ist Gott. Denn so wie der Vater entscheidet, welcher der würdigste seiner Söhne ist, und ihm die Führung der Familiengeschicke anvertraut, entscheidet die göttliche Instanz über die Stellung der Religionen zueinander. Sie legt darüber hinaus fest, welche Religion die einzig gültige sei. Die Menschen nun, die sich zu einer Religion bekennen, werden zu den Söhnen der Parabel in Beziehung gesetzt. Das Tertium comparationis wäre hier der beiden gemeinsame Führungsanspruch in der jeweiligen Lebenswelt.

Interessant wird diese Überlegung genau dann, wenn man beginnt, ein Vergleichsmoment für eine weitere in der Parabel auftretende Person zu suchen: den Meister, der die Kopien der Ringe herstellte. Wer könnte das in der Welt, auf die die Parabel referiert, sein? Ist es auch Gott, so wie der Vater? Oder ist es gar der Mensch? Der schaffende Mensch? Und was wäre denn die Konsequenz, wenn hier der Mensch gemeint wäre? Der Mensch als homo faber, der Mensch als Verfertiger? Kämen ihm dann die selben schöpferischen Fähigkeiten wie Gott zu? Hätte er die Möglichkeit sich eine eigene, eine neue Welt zu schaffen, wie Gott eine eigene, eine neue Welt schuf? Eine Welt, die nicht von einem fremden Gott, von fremden Mächten abhängig ist?

Ganz aus der Luft gegriffen sind die Ideen, welche hinter diesen subversiven Fragen lauern, meines Erachtens nicht, da sich mit der Renaissance eine Trennung der geistlichen von der profanen Lebenswelt langsam und, wie bei allen Neuerungen, mit vielen Rückschlägen und Widersprüchen vollzog. Dergleichen ist unbestritten. Dass mit dieser Herausbildung einer selbständigen Welt neben der Geistlichkeit die Bewusstwerdung des Menschen als Individuum einhergeht, beweisen solche Worte, wie ich sie oben als Teil der Einleitung der Ringparabel zitiert habe. Dort ist der Mensch als Individuum im Zentrum des Interesses; dort erscheint der Mensch als alleinige, als oberste Entscheidungsinstanz. Die Betonung der schöpferischen Fähigkeiten in der Person des Handwerksmeisters könnte ein weiterer Beleg für diese Selbstbewusstwerdung sein. Denn so wie er die Gabe besitzt, Preziosen zu verfertigen, die denjenigen eines Hoffmann’schen Cardillac ebenbürtig wären, hat der Mensch der Renaissance die Gabe sich eine Welt mit veränderten, über das Tradierte hinausreichenden Geisteshaltungen zu schaffen.

Entgegengehalten werden kann diesem Gedankengang, soviel soll nicht verschwiegen werden, der Umstand, dass der Handwerksmeister in der Parabel als Person nur flüchtig in Erscheinung tritt. Ferner ist er als Handwerker, der die Kopien des Originalrings herstellt, unabdingbar für den Lauf der Novelle und nicht erst von Boccaccio eingeführt worden. Diese Tatsachen schränken die Gültigkeit meiner Gedanken zwar ein, lassen sie aber, wie ich denke, dennoch nicht als unmöglich erscheinen. Wem sie rundweg abwegig anmuten, dem sei gesagt, dass man auch seitab ausgetretener Gedankenpfade mitunter nützliche Anregungen finden kann. Ist der Weg dort auch nicht ohne Widerstände zu begehen, kann man sich im Falle eines fruchtlosen Versuches über die planen, leicht zugänglichen, viel befahrenen Straßen umso mehr freuen. Und zum Gewinnen dieser Erkenntnis können Abwege allemal dienen.

|5|

Tags: , , , , , ,

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008

Zum Seitenanfang springen