
Infolge all dessen heißt das Gedicht also Fuge und gleicht dennoch nicht einer zur Lobpreisung Gottes geschrieben Bach’schen Fuge, ist dafür mehr ein letzter Halt angesichts der Folter im Todeslager, gemahnt an eine Ankerkette, die die Gewalt der Zeit allmählich mürbe rostet, bis sie schließlich reißen muss. Die Musik, die Kunst im Allgemeinen ist im Todeslager respektive Ghetto vielen Menschen ein Rest ihrer vergangenen Welt gewesen, der ihnen die zu erduldenden Qualen erträglicher machte. Daran konnte der Geschurigelte sich festhalten, eine, wenn auch geringe, Zuflucht finden; viel hatte er ja nicht mehr. Nur noch einen Reim. Doch selbst der wird hier in seiner himmelschreienden Stimmigkeit festgehalten, korrekt gebaut (fünfhebige Daktylen mit Auftakt), denn schließendlich bleibt nicht viel mehr übrig, als das düstere Gefühl von blauen Augen erschlagen zu werden. Und in diesem seine Augen sind blau
entdecken wir wieder ein Attribut der Fuge und des Gedichtes: Mehrstimmigkeit der Melodie, Mehrdeutigkeit des Textes. Wieder zeigt sich eine Figur, die keine Person, aber einen Prototypen, ein grausames Ideal, gleich Margarete und Sulamith, abbildet und im selben Moment ein realexistentes Individuum vorstellt. Zum anderen offenbart sich eine Wesensart: blauäugig wird man erschossen; gutgläubig wird man erschossen.
Bevor einem allerdings dieses letzte Schicksal zuteil wird, muss man wandern; durch die nicht enden wollenden Schikanen eines Konzentrationslagers wandern; muss man ein wenig der Ewige Jude sein. Im Unterschied zu diesem quält man sich jedoch nicht durch die heimatlosen Weiten der Welt, sondern durch die sich bitter wiederholenden Motive einer Fuge.
Hermetismus, nicht unmittelbare Verständlichkeit, versiegeltes Dichten
[3] wurde Celan häufig vorgeworfen. Auf die Todesfuge trifft keiner dieser Punkte zu. Sinnzusammenhänge wurden hier nicht versiegelt, sondern zerschlagen, und hernach auf unvorstellbare Weise wieder aneinander gefügt, ineinander gedreht. Das Auseinanderstemmen der alten und das Schaffen neuer Kontexte ist ein Wink, den man sofort versteht, der jedem zugänglich sein muss, der uns sagen will, dass nicht etwa Ausdrückbares, vielmehr Unaussprechliches der Inhalt dieses Gedichtes ist. Denn keine hergebrachten Worte könnten dem Gegenstand des Holocaust Genüge tun. Celan: Dieser Sprache geht es, bei aller unabdingbaren Vielstelligkeit des Ausdrucks, um Präzision.
[4] Mehr könnte keine Aussage auf die Todesfuge zutreffen. Die Vielstelligkeit
, Vielstimmigkeit des Ausdrucks
in seinen Versen ist nötig, um den Eindruck der Unausdrückbarkeit zu erhalten. Präzision
liegt darin, dass der Versuch, das Unmögliche in Worte zu fassen, ein Versuch bleibt. Celan vollbringt das Kunststück dem Schrecken eines Todeslagers nicht mit Verständlichkeiten zu begegnen, ihn dafür mit Gefühlen zu erfassen. Deswegen auch gar nicht erst der Versuch seinerseits, sich dem Grauen rational zu nähern. Das Verstehen der Verse Celans liegt nicht im Verstehen seiner Bilder, im Entschlüsseln des berühmten Oxymorons begründet; der Inhalt muss gefühlt werden: das Verständnis kommt von selbst
[5]. Wenn es hier nicht von selbst kommt, dann gar nicht.
Nico Dorn, 2002
© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008