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[7. Juli 2003]

Das Spiel ist aus von Jean-Paul Sartre

Ein existenzialistisches Drehbuch

Abstract
Das berühmte Drehbuch von Sartre wird in diesem Essay hinsichtlich seiner existenzphilosophischen Extensionen kurz untersucht und kritisch bewertet.

Die Hoffnungslosigkeit ist kein Hindernis zu kämpfen, bis dich die Hoffnungslosigkeit übermannt. Für Pierre Dumaine und Eve Charlier, den zentralen Personen in Das Spiel ist aus, ist das Spiel schon am Anfang des Drehbuchs von Sartre aus. Die Einsätze sind gemacht und verloren, das Glück ist bereits schlafen gegangen. Und dennoch mühen sich die beiden Figuren, ihr Schicksal nicht ertragen wollend, in verzweifelten Versuchen zumindest zeitweise, dem Unabänderlichen ein Schnippchen zu schlagen, nach einer Lücke im unabänderlichen Gesetzeswerk der göttlichen Administration zu heischen.

Der Plot des Buches ist an der Oberfläche einfach gestrickt. Pierre und Eve repräsentieren zwei grundverschiedene Personentypen. Pierre stellt den klassischen Arbeiter dar, wie ihn sich ein Marxist nicht hätte ehrbarer vorstellen können: Er ist nicht nur Arbeiter, sondern auch Aktivist. Eve dementgegen erscheint als Dame der besseren Gesellschaft, wie es sie so viele gibt: unglücklich in ihrem schreienden Glück und eingesponnen in Intrigen, welche sich auszudenken nur diese Schicht die Muße hat. Die beiden sterben zur selben Zeit und treffen sich im Jenseits wieder, wo sie einander kennen und lieben lernen.

Bei allem, was die Protagonisten anfangs trennt, zeigen sich doch auch Gemeinsamkeiten. Gemeinsam sind Pierre und Eve nämlich nicht nur der Todeszeitpunkt und die Liebe, sondern auf einer höheren Ebene auch die Todesart. Zwar wird Pierre von einem denunziatorischen Spitzel des von ihm bekämpften Regimes erschossen und Eve von ihrem raffgierigen Mann vergiftet, doch kann man durchaus abstrahieren, dass sie beide an den Fährlichkeiten ihrer spezifischen Existenz zugrunde gehen; die Todesart ist bei jedem gesellschaftlich bedingt. Sind die gesellschaftlichen Wirklichkeiten von Pierre und Eve auch grundverschieden, so erscheinen im Buch beide als gleich tödlich. Grundverschieden ist hier nur die Oberflächenstruktur des Todes, die tieferen Ursachen sind dieselben. Dadurch dass die beiden zentralen Figuren nun aber einerseits als (oberflächlich) divergent und andererseits als (tiefenstrukturell) konvergent erscheinen, werden sie entindividualisiert. Es geht nicht mehr nur um einen gemeinen Gesellschaftskonflikt zweier, durch einzelne Personen wiedergegebener Klassen, dafür aber um den Kampf, den jedes Individuum, gleich in welcher sozialen Kaste es sich bewegt, zu bestehen hat. Die Verschiedenheit der Figuren nähert sich der Gemeinsamkeit aller Menschen. Sartre führte demnach die Schicksale dieser beiden Klassenrepräsentanten zusammen und zeigt in Das Spiel ist aus mehr als die gemeinsamen Verstrickungen zweier Einzelindividuen.

Eingetreten in die gleichgültige Welt des Todes entdecken Pierre und Eve, wie schon gesagt, die Liebe zueinander, jedoch nicht ohne zuvor auf den Gängen durch ihre nunmehr von Toten und Lebenden übervölkerte Stadt erkannt zu haben, wie sehr sie in ihrem ganz persönlichem Leben fehlten: Der zu Lebzeiten von Pierre anvisierte Komplott gegen das diktatorische Regime wird von ihm als schon lange verraten erkannt und der Ehemann Eves verliert vor ihren Augen die Maske des liebenden Gatten. Entlarvt erscheint eine allein nach Mitgiften schielende Hinterhältigkeit. Eingetreten in die gleichgültige Welt des Todes sind die Liebenden, und erfahren mussten sie hier, wie ihre Dinge stehen. Angekommen sind sie dort gleichwohl nicht. Das Phlegma aus Ignoranz gegenüber den Verwerflichkeiten, welchen die Toten unter den Lebenden aller Tage ansichtig werden, hat die beiden noch nicht erfasst. Und so ist ihre frisch entdeckte Liebe nicht nur ein Spielchen, das man hier, im Totenreich, nicht so recht zu Ende spielen kann, sondern eine Liebe voll Innigkeit, nachgerade lebhaft.

Aufgrund einer abstrusen Verordnung (Artikel 140) wird es den Liebenden nun gestattet, unter Auflage in die Welt zurückzukehren. Genauer besagt die Verordnung, dass liebende Menschen, die füreinander bestimmt waren, sich im Leben indessen nie begegnet sind, das Recht auf Reklamation ihre Todes haben und so, ohne ihr Schicksal zu vergessen, zum Todeszeitpunkt wieder lebendig werden können. Die Auflage aber ist, dass Pierre und Eve sich unter den Lebenden binnen vierundzwanzig Stunden als wahrhaft liebend erweisen müssen, dass sie sich als Menschen zeigen müssen, denen ihr Gegenpart über alles geht. Hieran, der Titel lässt es schon vermuten, scheitern Pierre und Eve freilich, da sie längst ausgespielt haben. Die Art des Scheiterns ist gleichfalls interessant: Die beiden entpuppen sich als so umfassend in die Vorgänge ihres Vorlebens eingebunden, dass sich beispielsweise Pierre auf die Gretchenfrage Eves, ob er es nun mit ihr oder seinen Mitverschwörern halte, entscheidet, lieber diese vor der drohenden Katastrophe zu warnen, als sich stattdessen ganz der Aufgabe zu widmen, jene wahrhaft zu lieben.

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