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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Tendenzen der Schillerrezeption des 19. Jahrhunderts
  2. 2 Die Schillerfeiern von 1859
  3. 3 Monumentalisierung und Enthistorisierung Anfang des 20. Jahrhunderts
  4. 4 Schiller im Nationalsozialismus
  5. 5 Schiller nach 1945
  6. 6 Thesenhafte Zuspitzung
  7. 7 Literatur
  8. 8 Bildnachweis

[8. März 2006]

Friedrich Schiller in der Rezeption

Wahrnehmung und Wirkung von Werk und Person

Abstract
Welchen Schiller lesen Sie eigentlich? Diese Frage ist durchaus berechtigt. Denn in der Rezeptionsgeschichte Friedrich Schillers lässt sich feststellen, dass er auf immer wieder andere Weise gelesen wurde. Meine Arbeit bietet zunächst einen chronologischen Überblick über die verschiedenen Lesarten des Dichters und mündet in der These, dass es nicht so sehr der Inhalt seiner Werke, sondern vielmehr sein sprachlicher Stil war, der das Fundament der verschiedenen Rezeptionslinien bildete.

Der Zeitpunkt kommt, wo jemand aufhört ein Schriftsteller zu sein und anfängt ein Mythus zu werden.[1] Dieser anlässlich des hundertfünfzigsten Geburtstags des herrliche[n] Freiheitsschwabe[n][2] geschriebene Ausspruch des Kritikers Alfred Kerr weist die Richtung, welche eine Beschäftigung mit der Rezeption der Werke Schillers zu nehmen hat. Es geht hier nämlich viel weniger um die Schriften des Dichters und viel mehr darum, was aus ihnen geworden ist, wie man sie gelesen oder verarbeitet und nicht zuletzt verstanden oder missverstanden hat. Schillerrezeption schreiben, heißt Sozial- und Politikgeschichte schreiben. Denn erst unter solchen Gesichtspunkten wird klar, wie, beispielsweise, Adorno darauf kommen konnte, Schiller als Hofpoet des deutschen Idealismus[3] zu adressieren. Reservierte Haltungen wie diese erhellen sich nämlich dann, wenn man in Augenschein nimmt, wie Schiller zu verschiedenen Epochen wahrgenommen wurde. Dabei sollen im Folgenden, wo nötig, sowohl der historische Hintergrund ins Blickfeld gerückt als auch Quellen der Rezeptionsgeschichte als Symbol für den jeweiligen Rezeptionsstrang interpretiert werden. Dass trotz der stark divergierenden Aktualisierungen – genauer: Umdeutungen und politischen Anverwandlungen von Schillers Schaffen und Person – immer irgendwie ein Bezug zum eigentlichen Werktext vorhanden ist, dass es Schillers spezifischer sprachlicher Stil ist, auf dem jede Rezeption der letzten 200 Jahre basiert, ist die These, von der ich ausgehe.

 
 

1 Tendenzen der Schillerrezeption des 19. Jahrhunderts

Bereits zu Lebzeiten entwickelte sich die Person Friedrich Schillers wie auch sein Werk zu einem Kultobjekt. Nach dem Erscheinen der Räuber (1781) kam es vereinzelt zu einer Art schillerschem Wertherfieber. Junge Leipziger Studenten bildeten, inspiriert durch das Drama, Räuberbanden. Im Gegensatz zu solchen Begeisterungsstürmen und den überbordenden Gefühlsäußerungen, die während der Erstaufführung des Dramas geherrscht haben sollen, wurde Schillers Schaffen auch schon zu Lebzeiten in einigen Kreisen mit einer gewissen Reserve betrachtet, vor allem im Umfeld der romantischen Dichter. Ihre Kritik wurde wohl ebenso durch das überschwängliche Lob befeuert, das man dem Dichter und seinem Werk entgegenbrachte, wie auch durch persönliche Animositäten. So kehrte sich die große Popularität Schillers bereits früh gegen ihn. Caroline Schlegel kritisiert beispielsweise 1796 in einem Brief an Luise Gotter:

Ich ruhe nicht, [F. W.] Gotter muß künftiges Jahr etwas in diesen Almanach [den Musen-Almanach Schillers] geben – das wird allerliebst gegen die hochfahrenden Poesien abstechen, die gereimten Metaphysiken und Moralen, und die versifizierten Humboldeschen Weiblichkeiten. Schillern hängt das Ideal [sic] gar zu sehr nach – er meint, es ist schon gut, wenn ers nur ausspricht.[4]

Caroline Schlegel moniert also, dass Schiller, bildlich gesprochen, die Gegenstände seines literarischen Schaffens immer direkt unter die Decke hängt. Diese seinen literarischen Gegenständen zugeordnete Erhabenheit und Schwere geht mit höchsten moralischen Forderungen und einer pathetisch aufgeladenen Sprache einher: dem oft erwähnten schillerschen Pathos. Hinter Schlegels Kritik steht somit nicht nur eine Ablehnung der Inhalte, an die Schillers moralischer Impetus gemahnt, sondern auch die Art und Weise des Vortrags. Napoleon wird der Ausspruch zugeschrieben, dass es vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein Schritt sei. Und diesen kleinen Schritt zu weit ist Schiller aus Sicht einiger seiner Zeitgenossen mitunter gegangen. Wieder Caroline Schlegel, diesmal in einem Brief vom 21. Oktober 1799:

Schillers Musencalender ist auch da, über ein Gedicht von Schiller, das Lied von der Glocke, sind wir gestern Mittag fast von den Stühlen gefallen vor Lachen, es ist a la Voss, a la Tiek, à la Teufel, wenigstens um des Teufels zu werden.[5]

Diese Problematik ist, das möchte ich hier betonen, nicht auf Schiller begrenzt. Besonders deutlich sieht man das Problem des späteren Verständnisses einer mit aufrichtigem Pathos hervorgebrachten Haltung, wie ich denke, an einem Brief aus Friedrich Hölderlins Hyperion. Dort heißt es:

Tausendmal hab ich in meiner Herzensfreude gelacht über die Menschen, die sich einbilden, ein erhabner Geist könne unmöglich wissen, wie man ein Gemüse [sic!] bereitet. Diotima konnte wohl zur rechten Zeit recht herzhaft von dem Feuerherde sprechen, und es ist gewiß nichts edler, als ein edles Mädchen, das die allwohltätige Flamme besorgt, und, ähnlich der Natur, die herzerfreuende Speise bereitet.[6]

Wie eine Parodie wirkt diese Passage, weil Hölderlin hier den erhabene[n] Geist der Geliebten Hyperions mit einer nachgerade banalen Alltagstätigkeit in Verbindung bringt. Das artifizielle Vokabular (Herzensfreude, herzerfreuende, Feuerherde, edles Mädchen, allwohltätige Flamme) tut sein Übriges und lässt Hölderlins Roman heute, nicht nur an dieser Stelle, sondern über weite Strecken, unerträglich, wenn nicht gar lachhaft erscheinen. Allerdings scheint es mir nötig, zu betonen, dass die Akzeptanz oder Nicht-Akzeptanz eines Pathos wie im Gemüse-Brief wesentlich mit den jeweiligen historischen Bedingungen zu tun hat, unter denen ein Text rezipiert wird. Auch eine pathetische Grundhaltung hat ihre Konjunkturen.

Um zu Schlegels Kritik an Schiller zurückzukehren: Was machte Das Lied von der Glocke, dieses früh verlachte Gedicht, für die folgenden über 150 Jahre so beliebt, dass noch nach dem Zweiten Weltkrieg so manches Schulkind es hat auswendig lernen müssen? Oder noch allgemeiner gefasst und darüber hinaus gehend: Warum konnten sich zum Beispiel Schillers Balladen, die schon bei seinen Zeitgenossen negative Kritik hervorriefen, kanonisieren? An dieser Stelle komme ich zu dem, was ich als den Kern der Schillerrezeption des 19. Jahrhunderts identifiziere: die fragmentarische Aufnahme seiner Schriften. Gerade die Glocke lässt sich aufgrund ihrer Struktur hervorragend in kleinere Stückchen zerlegen, die von dem Rezipienten dann, aus welchem Grund auch immer, rezitiert werden können. Besonders die mit der eher technisch gehaltenen Beschreibung eines Glockengusses verwobene idealisierte Beschreibung einer bürgerlichen Existenz, ist ein Steinbruch für Sinnsprüche, die sich auf relativ beliebige Situationen des täglichen Lebens anwenden lassen. Der damit einhergehende Gewinn ist, dass ganz gewöhnliche Lebensumstände einen Abglanz des Erhabenen erhalten. Darum fehlte dieses Gedicht auch nicht bei den zahlreichen, sehr beliebten Deklamationsabenden, an denen Teile schillerscher Dramen und Balladen vorgetragen wurden. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang, dass, so lässt es sich aus Rezensionen der Zeit entnehmen, solche Deklamationsabende nicht etwa einem abstrakten Kunstgenuss dienen, sondern emotionale Rührung produzieren sollten. Die Bestätigung einer bürgerlichen Philosophie und das Gefühl, in einer gleichgesinnten Gemeinschaft aufgehoben zu sein, ist nicht etwa akzidentielles Nebenprodukt dieser Zusammenkünfte. Es kann vielmehr als angestrebtes und substantielles Moment für die Konstitution dieser gesellschaftlichen Sphären betrachtet werden. Die Deklamation des Schillerschen Textes [wird] zu einer wichtigen Form der öffentlichen Darstellung und Realisierung bürgerlich-familialer Emotionalität und Subjektivität[7], konstatiert denn auch Ute Gerhard.

Doch die Darstellung eines bürgerlichen Ideals, das dann irgendwie rezipiert und appliziert wird, liegt vor der Feier dieser Darstellung. Darum kann es auch nicht verwundern, wenn Dichter wie Georg Büchner, die eine so zelebrierte Biederkeit zugunsten einer wirklichkeitsnahen Gestaltung dramatischer Gegenstände ablehnten, sich nicht allein gegenüber der Rezeption, sondern auch gegenüber der Dichtung Schillers reserviert verhielten. Aus seinem Brief vom 28. Juli 1835 wird ersichtlich, dass die moralisch und pathetisch überhöhten Anverwandlungen der bürgerlichen Schicht im 19. Jahrhundert auch auf fundamentale Ablehnung stoßen konnten. Büchner weist Dichtung als Transportmittel für moralisierende Appelle, ganz gleich welche, zurück. Aufgabe des Dichters sei es vielmehr, historische Umstände darzustellen, die Leute mögen dann daraus lernen[8]. Nicht ideal stilisiertes, dafür wirkliches Leben gelte es abzubilden. Ein Jugendfreund Büchners berichtet, dass dieser vieles gegen das Rhetorische in seinem [Schillers] Dichten[9] einzuwenden gehabt habe. Diese Ablehnung kulminiert in Büchners Brief wie folgt:

Was noch die sogenannten Idealdichter anbetrifft, so finde ich, daß sie fast nichts als Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos, aber nicht Menschen von Fleisch und Blut gegeben haben […]. Mit einem Wort, ich halte viel auf Goethe oder Shakespeare, aber sehr wenig auf Schiller.[10]

Die Haltung Büchners gegenüber Schiller kann man durchaus kritisieren. Denn Büchner sieht nicht, dass vor allem Schillers dramatisches Spätwerk bereits ähnliche Gegenstände behandelt wie sein [Büchners] Revolutionsstück [Dantons Tod], dass etwa die Wallenstein-Trilogie genau die Aporien des modernen geschichtlichen Handelns behandelt[11], beurteilt Michael Hofmann diese Wertung Büchners. Interessant ist die Ansicht Büchners aber gerade deshalb, weil hier zwei Rezeptionslinien zusammenfließen, die gegen den Mainstream des 19. Jahrhunderts gerichtet waren: zum einen die Kritik an der sprachlich gefälligen Gestaltung der Werke Schillers und zum anderen die an der Nutzbarmachung der Dichtung für eine persönliche Moralvorstellung.

Dass die Ideen in Schillers Werken explizit nach Verwirklichung strebten, sie also eine auf die Welt und die in ihr herrschenden Lebensumstände gerichtete Stoßrichtung hatten, goutierte Heinrich Heine im Gegensatz zu Büchner: Schiller schrieb für die großen Ideen der Revolution[12], stellt er befriedigt fest. In seiner romantischen Schule (1832–1835) vergleicht er Schiller im Folgenden mit Goethe und moniert, dass Goethe diesen bei Schiller festgestellten Weltbezug nicht in gleicher Weise in seinen Texten gestaltet habe.

Sie [Goethes Meisterwerke] zieren unser teueres Vaterland, wie schöne Statuen einen Garten zieren, aber es sind Statuen. […] die Goetheschen Dichtungen bringen nicht die Tat hervor, wie die Schillerschen. Die Tat ist das Kind des Wortes, und die Goetheschen schönen Worte sind kinderlos.[13]

Goethe herabzusetzen, beabsichtige er jedoch keineswegs. Denn jene Altarbilder der Tugend und Sittlichkeit, die Schiller aufgestellt, seien viel leichter zu schreiben als jene sündhaften, kleinweltlichen, befleckten Wesen, die Goethe gestaltet habe.[14] Und dennoch schätzt Heine Schiller, weil er, aus seiner Sicht an dem Tempel der Freiheit[15] gebaut habe. Dieses Motiv, Schiller als Herold freiheitlicher Bestrebungen zu lesen, wird im Rahmen der Schillerfeiern von 1859 in den Vordergrund rücken (vgl. Kap. 2).

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