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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Tendenzen der Schillerrezeption des 19. Jahrhunderts
  2. 2 Die Schillerfeiern von 1859
  3. 3 Monumentalisierung und Enthistorisierung Anfang des 20. Jahrhunderts
  4. 4 Schiller im Nationalsozialismus
  5. 5 Schiller nach 1945
  6. 6 Thesenhafte Zuspitzung
  7. 7 Literatur
  8. 8 Bildnachweis

[8. März 2006]

Kehren wir zu dem zurück, was ich als den Kern der Rezeption des 19. Jahrhunderts betrachte: der bruchstückhaften Rezeption Schillers. Um zu zeigen, wie leicht es tatsächlich fällt, aus Schillers Werken Stammbuchstückchen[16] herauszuklauben, die eine bürgerliche Philosophie bedienen, wie sie sich im 18. Jahrhundert allmählich entwickelte, möchte ich einige relativ willkürlich herausgegriffenen Sentenzen aus der Glocke[17] wiedergeben. Diese Exzerpte sind auf beliebige Lebenssituationen anwendbar. Man konnte sie als Sinnsprüche lesen, die durch die hohe Anerkennung des Autors geadelte wurden, und so die (banale) Alltäglichkeit zu verbrämen vermochten.[18]

Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
[Der folgende Vers lässt sich bei Bedarf abtrennen.]
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang. –
[…]
[Das spezifisch bürgerliche Arbeitsethos schlägt sich wie folgt nieder:]
Arbeit ist des Bürgers Zierde,
Segen ist der Mühe Preis;
Ehrt den König seine Würde,
Ehret uns der Hände Fleiß.
[…]
Wo rohe Kräfte sinnlos walten, [da lässt sich allerlei zu sagen.]
[…]
Wenn sich die Völker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.

Eine solch fragmentarische Rezeption der Werke Schillers war nicht allein auf seine lyrischen Texte beschränkt. Aus seinen Dramen ließen sich nämlich auf ähnliche Weise Sentenzen extrahieren. So zum Beispiel das berühmte Geben Sie / Gedankenfreiheit! des Marquis Posa im Don Karlos (III, 10). Ein später Nachklang dieser im 19. Jahrhundert dominanten Rezeptionsweise ist eine von Marcel Reich-Ranicki in seiner Autobiographie berichtete Anekdote, die dieses Zitat betrifft. Reich-Ranicki lebte bis 1938 in Berlin. Ende 1938 wurde er, weil er polnischer Staatsbürger war und zu allem Überfluss auch noch Jude ist, aus dem Deutschen Reich ausgewiesen. 1937 konnte er allerdings noch die Inszenierung des Don Karlos am Deutschen Theater in Berlin sehen. Das Stück habe vor allem deswegen Furore gemacht, berichtet Reich-Ranicki, weil es im Anschluss an Posas Forderung nach Gedankenfreiheit so lauten Beifall gegeben habe, dass zunächst an ein Weiterspielen auf der Bühne nicht zu denken gewesen sei.[19] Zeichenhaft ist diese Anekdote deswegen, weil hier ein aus dem direkten Kontext gelöstes Zitat zur Deutung aktueller politischer Umstände verwendet wird. Denn auch Reich-Ranicki erhellt den genaueren Textzusammenhang nicht, in dem Zitat und Personen im Don Karlos stehen. Zum einen wohl, weil er davon ausgeht, dass seine Leser diesen sowieso kennen (was bestimmt nicht auf alle zutrifft); zum anderen, weil der Ausspruch für sich stehen und aus sich Bedeutung entwickeln kann. Dass er im Kontext des Nationalsozialismus gar nicht so falsch ist, schließlich apostrophiert Posa einen Herrscher, der sein Land mit harter Hand führt[20], kann man als glücklich bezeichnen. Ignoriert wurde damals allerdings, dass der Gewährsmann der Gedankenfreiheit im Drama ermordet wird und am Ende keineswegs die angemahnte Freiheit steht. Als habe man ein Zeichen für die große Desillusionierung im Jahre 1937 geben wollen – so wirkt es, wenn dieses Publikum dem gescheiterten Helden Posa applaudiert.

Clemens Brentano kritisierte solche, nur ein Fragment wahrnehmende Schillerrezeption bereits 1811 aufs Schärfste. Die Philister, so Brentano,

würgen das Zeug aus Hoffahrt ungekaut hinunter; und je größer sich ihr Autor brocken läßt, je heftiger würgt sie der Bissen, und je größer ist der Genuß, drum lieben sie den herrlichen Schiller vorzüglich, weil sie seine sentenziöse reflektierende Diktion in lauter Stammbuchstückchen zerknicken und verschlingen können.[21]

Dieses Verhalten, Schillers Texte wegen der besseren Bekömmlichkeit zu pürieren, grassierte im ganzen 19. Jahrhundert in Formen, die heute so kaum noch denkbar sind. Es erschienen Sentenzensammlungen, deren Titel bereits auf die Art und Weise der Rezeption verweisen. Einige Beispiele[22]: Schiller’s Aphorismen, Sentenzen und Maximen, über Natur, Kunst, Welt und Menschen (1806). Das Wort Maximen bezeichnet die vom Herausgeber intendierte Aufgabe, die das Werk erfüllen sollte: dem Leser Lebensregeln zu geben. Diese können dann je nach Bedarf in der entsprechenden Kategorie schnell aufgefunden werden. Die private Sphäre hinter sich lassend, dafür in eine klar politisch-nationale Richtung zielend, verfährt der Titel Schillers Kraftsprüche für Deutsche auf die jetzigen Zeitumstände passend (1814). Gerade wegen des nationalistischen Pathos, der aus diesem Titel spricht, scheint mir hier ein Punkt erreicht, an dem die Genese eines Klassikers zu beobachten ist. Auf die Frage, was ein Klassiker sei, stellt J. M. Coetzee fest: The classic defines itself by surviving.[23] [Der Klassiker definiert sich durch sein Fortbestehen.] Dabei sei es zusätzlich wichtig, dass der Klassiker einerseits immer wieder hinterfragt werden müsse und andererseits nicht schutzbedürftig sein dürfe. Wäre er das letztere, könne er sich selbst nicht als Klassiker beweisen. Im Kontext der Geschichte der Schillerrezeption sind Coetzees Ausführungen über die Klassikerwerdung des Barockkomponisten Johann Sebastian Bach (1685–1750) von Bedeutung. Zunächst müsse man feststellen, dass Bachs Werk nach seinem Tod nahezu vollkommen vergessen worden sei. Tatsächlich gelte dies nur für die Aufführung seiner Kompositionen vor großen, öffentlichen Auditorien. Die endgültige Wiederbelebung seiner Musik falle in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Da sei zum einen die Aufführung der Matthäus-Passion von 1829 in Berlin unter der Leitung von Felix Mendelssohn zu nennen und zum anderen eine Buchveröffentlichung, an deren Titel man erkennt, wie der Barockkomponist und Klassiker Bach in einen neuen historischen Kontext eingepasst wird. Es handelt sich um Johann Nikolaus Forkels Ueber Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerk: für patriotische Verehrer musikalischer Kunst von 1802. Wie es der Titel schon sagt, liest Forkel die Person Bachs als einen Deutschen, auf den das Vaterland stolz sein müsse und dessen Werk in seiner Güte unvergleichlich gegenüber dem sei, was Musiker anderer Nationen geschaffen haben. Wenn Coetzee schreibt: […] the classic is that which is not time bound, which retains meaning for succeeding ages[24] [der Klassiker ist nicht an eine Zeit gebunden, er behält in späteren Zeitaltern Bedeutung], dann heißt dies implizit, dass der Klassiker nicht derselbe bleiben kann, der er immer war. Denn jede Zeit ist von einer darauffolgenden hinsichtlich ihrer sozialen oder politischen Struktur verschieden. Trotzdem lässt sich das klassische Werk immer wieder neu, das heißt unter neuen Bedingungen, lesen respektive hören. Was dann als Klassiker auf die Bühne tritt, ist nicht der Klassiker, wie er sich seinen Mitlebenden darstellte, sondern ein Produkt der Zeit der jeweiligen Klassikerrezeption. Im Falle Bachs ein Klassiker für patriotische Verehrer musikalischer Kunst. Die Anverwandlung der Person Bachs als nationalen Heros, wie sie in Forkels Buch zu lesen ist, ist ein Moment, dass auch in der Rezeption Schillers auftaucht. Vielleicht ist also die Zerstückelung der Werke Schillers und ihre Einpassung in andere Zusammenhänge ein Indiz dafür, dass hier, in dieser Zeit ein Klassiker geboren wird. Diese Feststellung wiederum rührt an die Tatsache, dass die ganze Epoche der Weimarer Klassik ein Konstrukt der Nachlebenden ist (für das Goethe und Schiller nicht unwesentlich mitverantwortlich waren[25]). Wilhelm Voßkamp: Die Einheit der Epoche wird erst in der Rezeption dieser Periode erzeugt.[26]

Auf eine letzte Sammlung von schillerschen Sentenzen Anfang des 19. Jahrhunderts möchte ich noch kurz eingehen. Beantwortung aus der Religion aufgeworfener Fragen durch Sprüche aus Schillers Werken (1832) führt die Absurdität der fragmentarischen Aktualisierung von Schillers Dichtung überdeutlich vor Augen. Es handelt sich bei dieser Sentenzensammlung um einen Katechismus, also eine Sammlung religiös motivierter Fragen, denen jeweils eine Antwort zugeordnet ist. Womit drohten Ihm [Jesus] aber deswegen die Priester und Pharisäer?, fragt es da beispielsweise. Die dazu passende Antwort aus der Bürgschaft: Das sollst du am Kreuze bereuen.[27] Konnte man den Ausruf des Marquis Posa noch relativ ungebrochen in das politische Umfeld von 1937 überführen, so bleibt hier als Vergleichspunkt nur das Schillerwort, losgelöst, für sich stehend. Dass der König am Ende der Ballade durch die ihm vor Augen geführte starke Freundschaftsbindung (recht schwach motiviert) zu einer grundverschiedenen Haltung bekehrt wird und niemand irgendetwas am Kreuze bereuen muss, lässt sich mit der Beschreibung von Jesu Leben überhaupt nicht mehr in Einklang bringen. Heute könnte man solche Publikationen als mehr oder weniger gelungene Parodien auffassen. Damals müssen derartige Bücher in bestimmten Kreisen durchaus ernst genommen worden sein.

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[16] Gerhard 1998: S. 759. Zitiert wird Clemens Brentano.

[17] In Wiese 1963: S. 301–313.

[18] So auch Janz 1996: S. 201: Nun müssen wir gewiß einräumen, daß Schillers Zeitgenossen das Pathos in seinen Stücken womöglich kaum anstößig war, weil sie es als den legitimen Ausdruck einer Selbstbefreiung, einer Erhebung aus den Zwängen des ereignislosen Alltagslebens verstehen konnten.

[19] Vgl. Reich-Ranicki 2001: S. 112. Dieser Szenenapplaus wird auch in der Exilpresse immer wieder erwähnt (vgl. Albert 1998: S. 781).

[20] Der Marquis Posa drückt es in IV, 21 so aus: Auf ihn [Don Karlos] verweis’ ich Spanien – Es blute / Bis dahin unter Philipps Hand! Ähnlich urteilt Don Karlos in der letzten Szene des V. Akts: Ich eile, mein bedrängtes Volk / Zu retten von Tyrannenhand. Wie kaltherzig Philipp von Spanien seinen Sohn letztlich der Inquisition und somit dem Tod übergibt, spricht für sich.

[21] Zit. n. Gerhard 1998: S. 758.

[22] Vgl. Hofmann 2005: S. 563.

[23] Coetzee 2001: S. 16.

[24] Ebd.: S. 10.

[25] Springer 2002: S. 118 spricht in diesem Zusammenhang gar davon, dass Schiller und Goethe Marketing, Selbstinszenierung und Selbstkanonisierung betrieben hätten.

[26] Voßkamp 1998: S. 250.

[27] Zit. n. Springer 2002: S. 119.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008

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