
[8. März 2006]
Abb. 3: Der Staffellauf nach Marbach am 21. Juni 1934 [Quelle]
Ein beredtes Beispiel für diese Form der Rezeption sind die Schillerfeierlichkeiten von 1934. Anlässlich Schillers 175. Geburtstag gab es Theaterwochen, Festakte, Aufmärsche mit Reden, Symposien, Sonderbriefmarken usw. Bemerkenswert ist allerdings, dass diese Feiern nicht mehr wie früher von den zahlreichen Schillervereinen organisiert wurden, die Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden waren. Vielmehr handelte es sich 1934 um ein staatlicherseits gelenktes Jubiläum. Ein aussagekräftiges Beispiel für die Verwendung Schillers im nationalsozialistischen Sinne ist der Staffellauf zur Sonnenwendfeier (!) am 21. Juni nach Marbach, Schillers Geburtsort. Die große Aktion, an der über 15.000 Hitlerjungen[89] teilnahmen, gipfelte in der feierlichen Verlesung von Grußbotschaften an das Dichtergenie. Mit Schiller selbst hatte dieser Event kaum noch etwas zu tun. Demonstriert werden sollte vielmehr nationalstaatliche Einheit und Größe, die nicht im Mindesten mit Schiller in Einklang gebracht werden kann, der sich zeitlebens in kleinstaatlichen Kontexten bewegte, der nicht eine seiner herrschaftlichen Heldenfiguren einen Deutschen sein ließ und sich sogar explizit ablehnend gegenüber nationalen Konzepten äußerte. In einem Brief vom 13. Oktober 1789 an Körner schreibt Schiller nämlich:
“Es ist ein armseliges kleinliches Ideal, für eine Nation zu schreiben; einem philosophischen Geiste ist die Grenze durchaus unerträglich. Dieser kann bey einem Fragmente (und was ist die wichtigste Nation anders?) nicht stillestehen. Er kann sich nicht weiter dafür erwärmen, als soweit ihm diese Nation oder Nationalbegebenheit als Bedingung für den Fortschritt der Gattung wichtig ist.[90]
Dergleichen unangenehme Widersprüche beiseite schiebend, nutzte man die Sonnenwendfeier von 1934, um die Grenzen der gefeierten Nation genauer zu umreißen: Der Staffellauf ging von allen Regionen des Landes aus; zusätzlich von Österreich. Das aus Tirol kommende Mädchen deklamierte feierlich, aber düster-traurig: Wir jungen Menschen Österreichs stehen mit leeren Händen. Wir können keine Blumen bringen, können keine Kohle bringen – wir bringen unser Herz.
[91] Hinter dieser wehmütigen Grußbotschaft steht die Tatsache, dass Österreich 1934 eben nicht zum Dritten Reich
gehörte. Zugleich werden hier, implizit, Haltung und Anspruch artikuliert, Österreich sei ein Teil Deutschlands.
Auch anhand der Huldigungsschrift
von Schlesiens Jugend an Friedrich v. Schiller
, die an diesem 21. Juni feierlich vorgetragen wurde, lässt sich zeigen, dass sein dichterisches Schaffen allenfalls eine untergeordnete Rolle spielte. In den Vordergrund rückte dafür eine in ihn hineingelesene Geisteshaltung, die die nationalsozialistische Idee in nuce enthält:
“Hier zu heilig hehrer Stätte, / die unserm Fühlen Heimat ist, / sind wir, / die Künder einer neuen Jugend / dir zu huldigen herbeigeeilt, / Dir, / dem deutschen Dichter / unsres ewgen Freiheitsstrebens / den Gruß des Dankes / zu entbieten. // Ich, / Läufer aus dem deutschen Osten, / will den Kameraden / meiner Jugend / heut an diesem Freudenfeste / von dem Schicksal / meines Landes / sagen / und dem Geist, den Du uns gabst. // Wo in frühsten Zeiten / Scharen von Germanen / durch das Land der Oder zogen / und dort ihre Heimat fanden, / wo des deutschen Bauern Arbeit / unserm Volke Land gewann, / wo der größte deutsche König / schweren letzten Sieg errang, / dort ist / meines Stammes Heimat. // Von des / Annaberges / heiligem Altare, / aus der / blutgetränkten Erde / dieses Bodens / bringe ich der Heimat Gaben, / Kornblumen u. Wacholderbusch, / Dir / als Sinnbild unsres Schwures: // Daß im Zeichen / Deines Wollens / Deines Dichtens / glücklich wir das Heil / des Kampfes und des Sieges / unserm gottgewollten Volke / künden / und geloben dir als Willen: // Wildes Sehnen / flammt in unsrer Brust, / Deutschland unser Leben stets / zum heiligen Opfer hinzugeben. // Wollen kämpfen, / müßen ringen, / das Große, / das Eine / zu vollbringen / das freie Vaterland![92]
Abb. 4: Huldigungsschrift zur Reichssendung am 21. 6. 1934 in Marbach
[Quelle]
Man ehrte in Schiller demnach explizit den deutschen Dichter
, dessen Geist
beschworen wurde. Dieser Geist
scheint etwas zu sein, das genauso in metaphysische Höhen entrückt wurde, wie das gottgewollte Volk
der Deutschen. Dieses Moment der Monumentalisierung wird von Geschichtsklitterungen akkompagniert. In germanischer Zeit war das Gebiet zwischen Elbe und Oder nun einmal nicht germanisch, sondern slawisch. Die mangelnde Trennung zwischen dem, was man in der Geschichte schon als deutsch bezeichnen kann, und dem, was man noch als germanisch bezeichnen muss, schlägt sich – wie nicht anders zu erwarten – in diesem Machwerk ebenfalls nieder. Stilisiert wird eine unfreie, unterdrückte Stellung, in der Land und Leute sich befänden. Der Dichter mutiert zum messianischen Vordenker einer Freiheitsbewegung. Darum findet sich im Schlussappell der Huldigungsschrift
– folgerichtig – auch kein direkter Bezug auf Schiller mehr. Dieser Appell ist rein politischer Natur, unverhohlene Ideologie. Auch dass das Schillerfest zur Sommersonnenwende stattfand, ist als ideologisches Moment zu lesen. Was immer man damals für urgermanisch
hielt, wurde zum Zweck der Umdeutung gewachsener Traditionen und/oder für die Installation neuer nationaler Mythen verwendet.
Der im Deutschen Nationaltheater in Weimar am 10. November 1934 stattfindende Festakt war anderer Natur. Das Programm glich einer klassischen Feierstunde; der ebenfalls erschienene Hitler trug ausnahmsweise Zivil. Die Feierlichkeiten verliefen alles andere als polternd, vielmehr gedämpft, staatstragend, gesittet. Doch auch dieses zurückhaltende Gebaren muss als Instrumentalisierung gedeutet werden. Denn durch diese Form der Inszenierung versuchte man, den bürgerlichen Bildungsschichten zu zeigen, dass der Nationalsozialismus nicht roh und primitiv sei.[93] Aktionen aus demselben Jahr, die die brutalen Sitten der Nationalsozialisten eindeutig decouvrierten, sollten mit einem positiven Bild übertüncht werden. Der so genannte Röhm-Putsch
– die Nacht der langen Messer
–, der im Juni und Juli für Aufruhr sorgte, hatte die gesellschaftlichen Schichten verstört, die durch diese Form des Staatsakts speziell angesprochen werden sollten. Der von mir bereits dargestellte Verlauf der Feiern in Marbach spricht eine ganz andere Sprache. Solche Formen waren zu dieser Zeit auch noch ungebrochen möglich, denn die Sonnenwendfeier zu Ehren Schillers lag zeitlich vor den Morden der Nationalsozialisten an ihren internen Gegnern, die erst neun Tage später, am 30. Juni 1934, begannen. Eine eindeutige Vereinnahmung war hingegen die Rede von Joseph Goebbels, die dieser am Abend des 10. November hielt: Schiller, würde er noch leben, wäre ein Vorkämpfer für die Sache des Nationalsozialismus gewesen. In strahlender Reinheit solle er vor dem neuen Deutschland aufs neue erstehen: für alle Zeiten der Dichter der deutschen Revolution
, berichtete der Völkische Beobachter zwei Tage später.[94]
Neben vielen Positionen, die Schiller im Sinne des Nationalsozialismus deuteten, gab es aber – das möchte ich keinesfalls verschweigen – auch solche, die sich absoluter Urteile enthielten. Benno von Wiese stellt in seinem Buch von 1938 über den Dramatiker Schiller explizit fest:
“Es liegt im Wesen unserer Schiller-Deutung begründet, daß wir sie nicht am Ende inErgebnisseoderLeitsätzezusammenfassen können. Denn es war das Ziel dieser Darstellung, Schiller gerade nicht in ein bestimmtes weltanschauliches System hineinzuzwingen oder in einen begrifflichen Apparat einzusargen.[95]
Trotz dieser deutlichen Absage an die damalige Praxis, Geistesgrößen hinsichtlich ihres nationalen Werts
zu hinterfragen, bekam von Wiese keine Probleme. Er durfte weiterhin unbehelligt forschen und publizieren. […] honest scholarship was not impossible during the Nazi dictatorship
[96] [ehrenhafte Gelehrsamkeit war während der Nazidiktatur nicht unmöglich].
Nicht nur Forscher wie Benno von Wiese behielten nach 1945 Bedeutung. Es gab auch ein großangelegtes Projekt, das während der Nazi-Diktatur begonnen wurde und nach 1945 weiter bestand. Seit 1943 wurde, von Julius Petersen und Gerhard Fricke, der Grundstein für die Nationalausgabe der Werke Schillers gelegt. Sie enthält alle literarischen Texte, Briefe von und an Schiller sowie Schillers Gespräche. Dieses Projekt, das später Benno von Wiese leitete, überdauerte als gesamtdeutsches Projekt sogar den Ost-West-Konflikt. Da in manchen Bänden aktuelle politische Zustände allzu stark reflektiert wurden, sind einige frühe Bände mittlerweile revidiert worden.
1941 änderte sich die Haltung der Nationalsozialisten gegenüber Schiller aus nicht eindeutig zu klärenden Gründen. Der Tell, der immer noch in den Schulen behandelt wurde, wurde per Führererlass
verboten: Der Führer wünscht, daß Schillers Schauspiel
[97] Ein Grund für die reservierte Haltung, die die Nazis von nun an Schiller gegenüber an den Tag legten, mag der im Wilhelm Tell
nicht mehr aufgeführt wird und in der Schule nicht mehr behandelt wird.Tell
dargestellte Tyrannenmord gewesen sein. Der andere mag an die Vorwürfe anknüpfen, die man dem Drama schon in der Frühzeit des Dritten Reichs
vorhielt: Einerseits sei der Held des Stücks zu unpolitisch, handle zu sehr aus individuellen Motiven. Andererseits stelle das Stück den Abfall eines Reichsgebietes dar. Ein Vorgang, der auf keinen Fall zu begrüßen sei.[98]
Um dieses Kapitel auf den Punkt zu bringen: Man kann, glaube ich, sagen, dass in nationalsozialistischen Deutungen der Werke Schillers alle Elemente auftauchen, die in den vorhergehenden Kapiteln erwähnt wurden. Sie wirken allerdings hypertroph, über die Maßen strapaziert und führen zu einem noch deutlicher verzerrten Bild von Dichter und Werk, als man dies in vorhergehenden Rezeptionsstufen beobachten konnte. Dies ist auf die Radikalität der durchgeführten Interpretationen, Schiller als nationalen und prärassistischen Dichter zu lesen, zurückzuführen. Man setzte alles daran, die unsinnigen Kategorien der Nationalsozialisten auf den Menschen aus dem 18. Jahrhundert zu applizieren. Dies aber auf je verschiedene Weise. Es gibt durchaus divergierende Deutungsschemata und keine einheitliche von oben verordnete Lesart[99] – was an dem Streit zwischen Cysarz und Fricke beispielhaft deutlich wird. Selbst die Haltung der politischen Führer gegenüber dem Klassiker hat sich im Laufe der zwölfjährigen Herrschaft gewandelt, wie man am Verbot des Tell von 1941 sieht.
[89] So Zeller 1983: I, S. 166. Ruppelt 1979: S. 33 spricht von 18.000 Hitlerjungen.
[90] Zit. n. Ruppelt 1979: S. 15.
[91] Zit. n. Zeller 1983: I, S. 170–171.
[92] Zit. n. der Abbildung in ebd.: I, S. 169.
[93] Ruppelt 1979: S. 37–38 betont, dass diese Inszenierung in gleicher Weise auf das Ausland gemünzt gewesen sei. Denn in der ausländischen Presse war den Nazis nach den Bücherverbrennungen von 1933 vorgeworfen worden, ihre Kulturpolitik sei barbarisch. Diese durchaus zutreffende Annahme wollte man durch die von vielen kulturellen Veranstaltungen begleiteten Feierlichkeiten zerstreuen.
[94] Ausschnitte in Zeller 1983: I, S. 194–195.
[95] Zit. n. ebd.: I, S. 313.
[97] Zit. n. Ruppelt 1979: S. 41.
[98] Vgl. darüber hinaus ebd.: S. 43–45.
[99] Das sieht Zeller 1983: I, S. 318 noch anders.
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