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[4. Oktober 2006]

Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür

Abstract
Sowohl Borcherts Hörspiel als auch sein poetisches Prinzip sind nur dann verständlich, wenn der zeitgeschichtliche Entstehungskontext seiner Werke mitbedacht wird. Und genau diesen versuche ich auf Draußen vor der Tür anzuwenden. Abschließend stelle ich die Frage, was uns ein derartiges Stück Literatur heute noch sein kann.

Das ist das Deutschland des Jahres 1947, getüncht in das Grau der Städte und durchsetzt mit dem Grau der Heimkehrermäntel, gezeichnet vom Staub der Ruinen und durchhaucht von den entgeisterten Mündern der Überlebenden. Dieses Jahr 1947 liegt kaum zwei Jahre hinter der großen Katastrophe, Stunde null… oder besser: nach dem fulminanten Ende einer Katastrophe, die über Jahrzehnte schwelte und der auf ihrem Höhepunkt so manch einer nicht mehr entrinnen konnte. Dieses Jahr 1947 ist in Deutschland auch das Jahr einer fortschreitenden Entnazifizierung, der Befriedigung des Gewissens durch den administrativen Akt der Persilscheinausstellung, der den unglaublichen Verbrechen Kategorien anbot: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer, Entlastete… Blickt man aus der Sicht des Jahres 1947 in die Zukunft, so zeichnen sich die Fanale des heraufziehenden Dritten Weltkrieges ab, der jedoch nicht so heißen sollte, dafür heute als kalt attribuiert wird und für beendet gilt; gleichwohl hatte er, dieser Krieg, auch in Deutschland schon damals seine Lager abgesteckt: Bizone versus SBZ. 1947 zeichneten die Kadaver von Jodl und Keitel und Göring und all den anderen gewiss schon ein gehöriges Maß an Zersetzung und die harte Deutsche Mark war ebenso Zukunft wie sie heute Vergangenheit ist. Dieses 1947 ist Teil der Nachkriegszeit. Ein Jahr, in dem deutsche Literatur oft Trümmerliteratur war, weil sie es sein musste? Ein Jahr, in dem sich eine gewisse Gruppe 47 als Werkstatt einer neuen deutschen Literatur aus der Politik herauszuhalten gedachte und doch auf der Basis eines allen Mitgliedern gemeinen Antifaschismus ruhen musste. All das, was 1947 war, all das, was den zeitlichen Rahmen absteckt, sollte vor Augen stehen, das Leben und Fühlen der Mensch dieses Jahres 1947 sollte man versuchen zu verstehen, wann immer Borcherts Hörspiel/Schauspiel Draußen vor der Tür betrachtet wird.

 

In keiner anderen Umgebung als dieser wäre Draußen vor der Tür denkbar. Das Salz in diesem Werk ist die Verbitterung über die Situation der Menschen nach dem Untergang des tausendjährigen Reiches. Borchert zeichnet insbesondere die Verbitterung der Heimkehrer, der Soldaten, derjenigen, die doppelt und dreifach litten, die sich nicht einmal mit dem Gewissen beruhigen konnten, im Krieg passiv gewesen zu sein. Er zeichnet die Verbitterung derjenigen, die in den vielen kalten Stunden an der Ostfront eine Verantwortungslast auf sich luden, die nicht so leicht abzutragen war wie die Ruinen der Städte, die nicht so leicht zu entsorgen war wie die Hekatomben an Bombentoten. In diesem Umfeld, bedrückt von seiner ganz persönlichen Bürde, startet der Protagonist des Spiels, Beckmann, einen verzweifelten Versuch, sich ihrer zu entledigen, indem er sie seinem ehemaligen Vorgesetzten zurückzugeben versucht: Die Verantwortung. Ich bringe Ihnen die Verantwortung zurück.[1]

Die Schwere des Verantwortungsjochs, schlägt sich in dem das Spiel einführenden Traum vom Freitod in der Elbe nieder. Der vielfach verletzte Heimkehrer Beckmann vermag den düsteren Film, der sich ihm aus den Versatzstücken der Verlassenheit, der Versehrtheit und des Schuldbewusstseins zusammensetzt, nicht mehr zu ertragen. Er versucht den Zelluloidstreifen dieser grausamen Bilderflut abzuschneiden, er will einzig noch schlafen und vergessen[2], da ihm scheint, er könne alles […] nicht mehr da oben[3], er könne nicht mehr leben in Verlassenheit, nicht mehr leben mit körperlicher Behinderung und einer nicht abtragbaren Schuld. Indem ihm selbst der Freitod verweigert wird, ihn also, metaphorisch gedacht, selbst die Instanz, welche die Ultima Ratio schlechthin verkörpern soll, zurückweist, manifestiert sich, wie handfest die Verlassenheit dieses Beckmann sein muss. Die Elbe wirft ihn wieder in das Leben zurück, das zu verlassen sein größter Wunsch war. Erst, wenn du den Kanal voll hast, […] wenn du lahmgestrampelt bist, und wenn dein Herz auf allen vieren angekrochen kommt[4]; allenfalls unter diesen Umständen könne man einen Suizid überhaupt in Erwägung ziehen. Auf die anderen zurückverwiesen wird Beckmann also bereits hier: Laß dich treten. Tritt wieder![5] Die Konfrontation mit der Lebenswirklichkeit, die ein Heimkehrer im Jahre 1947 zu gewärtigen hat, ist also schon hier angelegt, im Vorfeld der ersten Szene.

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[1] Borchert, Wolfgang: Draußen vor der Tür. Zitiert nach der Hörspielkompilation: Prager, Gerhard (Hrsg.): Kreidestriche ins Ungewisse. Darmstadt (1960), S. 28.

[2] Pennen will ich. Tot sein. Mein ganzes Leben lang tot sein. (Ebd., S. 13).

[3] Ebd., S. 13.

[4] Ebd., S. 14.

[5] Ebd.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 14. Dezember 2012

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