TextTexturen

Zum Inhaltsanfang springen

Navigation

Wegweiser

Seiten

1  |2|  3  4

[4. Oktober 2006]

Beckmanns einmal anklagende und einmal melancholische Besessenheit am eigenen Leid mündet jedoch nie in eine rationale Kritik der vergangenen oder gar der bestehenden Gesellschaftsumstände. Ferner wird hier keine Idee von den Möglichkeiten eines zukünftigen Seins entworfen. Beckmann hat keine Illusionen, er ist im Wortsinn desillusioniert. So spart Borchert in seinem Spiel nicht nur die Aussicht auf ein anderes Leben, eine erneuerte, gereifte Gesellschaft aus, was die Radikalität der Beckmann’schen Klagen und Anklagen notwendigerweise konterkariert hätte, sondern vermeidet auch eine explizite Kritik am Mitläufertum der Vergangenheit. Ein Sturm aus Elegien, die nicht etwa der Kopf, sondern der Bauch gebar, durchweht die folgenden Seiten.

Dass ich den Text hier so charakterisiere, soll ihn nicht etwa als zu wenig rational oder unüberlegt oder gar als Machwerk oder Schmierenstück bloßstellen. Dergleichen liegt mit fern. Es sei nur deswegen herausgehoben, weil sich an dieser inhaltlichen Bestandsaufnahme die poetische Methodik Borcherts wie nirgends sonst zeigt. Sowohl Borcherts Figur Beckmann als auch Borcherts Sprache fordern die Kraft zum eindeutigen Ja und Nein. Feine Schattierungen, das sublim Abgestufte passten ihm schlichtweg nicht in die sich ihm darbietende gesellschaftliche Situation. Das eruptiv Dissonante war ihm unabdingbar. Der Kakophonie des Lebens im Jahre 1947 wird einzig der irrationale und absolute Expressionismus des Borchert’schen Wörterstakkatos gerecht:

Wir brauchen keine wohltemperierten Klaviere mehr. Wir selbst sind zuviel Dissonanz. […] Wir brauchen keine Stilleben mehr. Unser Leben ist laut. Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld.[6]

Denn ebenso wie die Städte und das gesellschaftliche Leben wurde auch die Möglichkeit diskursiven Denkens zerschlagen. Systematisches Denken ist dort, wo die politischen Systeme der Vergangenheit aufgelöst und diejenigen der Zukunft noch nicht etabliert wurden, vollkommen unangemessen. Hier liegen die Wunden offen, hier liegt das menschliche Dasein so total in Trümmern, wie wenige Jahre zuvor so mancher den Krieg beschrieen hat. Borchert schrieb Trümmerliteratur.

Ein so geartetes akausales Schwarzweißdenken finden wir auch bei seinen Zeitgenossen. Heinrich Böll vertrat in seinem Essay Bekenntnis zur Trümmerliteratur eine Position in Sachen Hitler, der so mancher auch noch heute beipflichtet: […] wohin wir blicken, sehen wir die Zerstörungen, die auf das Konto dieses Menschen gehen[7]. Oder anders: Die Deutschen wurden ahnungslos und ohnmächtig von den Nazis überfallen. Auch hier findet sich eine klare und dabei schlichte Dichotomie: Hitler böse, Menschen gut. Ebenso dichotomisch funktioniert Draußen vor der Tür, kein Abwägen von Pro und Kontra findet sich hier, sondern eine luzide, einfache Zeichnung. Borchert malte sie auf der Grundlage seiner Gefühle, nicht seiner Ratio. So schlicht, so einfach und über die Maßen bedeutend wie im oben genannten Böll-Zitat wird Hitler, wie gesagt, auch heute noch mancherorten verstanden. Dass dieser eine Mensch es schwerlich schaffte, allein, höchstpersönlich Millionen hinzurichten, wird dabei gern übergangen. Dass eine weitläufige Akzeptanz oder zumindest ausgedehnte mentale Starre unter den Deutschen virulent gewesen sein muss, eine Lähmung, die dergleichen bedingte und proliferierte – proliferierte wie ein Kanzerogen, das für eine ordentliche Wucherung sorgt –, wird dabei ebenfalls gern ignoriert. Selbst der an die Dummheit des Nazismus verlorene Sohn – war er wirklich verloren oder lag seinem Fauxpas nicht eine in ihm a priori bedingte Affinität zum Pathologischen zugrunde? –, selbst Gottfried Benn wusste Jahre nach seiner kurzen aber heftigen Liaison mit dem Faschismus bereits 1945 ein differenzierteres Bild von den Hinter-Gründen der Katastrophe zu zeichnen:

[…] und nun ist das 5. Kriegsjahr, das düster daliegt mit Niederlagen und Fehlberechnungen, geräumten Erdteilen, torpedierten Schlachtschiffen, Millionen Toten, ausgebombten Riesenstädten, und trotzdem hört die Masse weiter das Geschwätz der Führer an und glaubt es. […] Eine mystische Totalität von Narren, ein prälogisches Kollektiv von Erfahrungsschwachen[8].

Benn versteht den Hitlerismus nicht als Grund, sondern treibende Kraft, er konstatiert, dass Menschen nicht wie Maschinen aus sich heraus laufen, sondern eines Stoffes bedürfen, der sie antreibt. Daneben hebt er den Hitlerismus aus seiner verklärenden Dunkelheit heraus. Ihm ist klar: Was nicht laufen will, das harrt und steht still. Wie lang die Bremswege fahrender Züge sein können, deuten diese Zeilen allerdings auch an.

|2|

Tags: , , , , , , , , , , ,

[6] Borchert, Wolfgang: Das ist unser Manifest. In: Ders.: Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen. Reinbek bei Hamburg (1997), S. 113.

[7] Böll, Heinrich: Bekenntnis zur Trümmerliteratur. In: Ders.: Erzählungen, Hörspiele, Aufsätze. Köln/Berlin (1961), S. 342.

[8] Benn, Gottfried: Block II, Zimmer 66. In: Ders.: Provoziertes Leben. Eine Auswahl aus den Prosaschriften. West-Berlin (1955), S. 160.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008

Zum Seitenanfang springen