
Der Ausblick, die Sichtweise der Dialogpartner ist in dieser Szene somit vollends gegensätzlich. Infolgedessen differiert auch ihre Auffassung darüber, wie das ertragene Leid thematisiert werden sollte. Beckmann trägt das Lied von der tapferen kleinen Soldatenfrau
vor, was dem Direktor ganz und gar nicht zusagt. Er konstatiert dem Vortrag Beckmanns noch nicht genügende Reife, sagt, in ihm schwinge noch zu wenig Esprit
[16] mit. Tatsächlich liegt hinter dieser eigentlich oberflächlichen Kritik das Gefühl, etwas nicht dem eigenen Zukunftsbild entsprechendes gehört zu haben. Am Anfang der Szene forderte der Direktor:
“Eine mutige, nüchterne, […] revolutionäre Jugend. […] Wir brauchen einen Grabbe, einen Heinrich Heine! So einen genialen angreifenden Geist haben wir nötig! Eine unromantische, wirklichkeitsnahe und handfeste Jugend, die den dunklen Seiten des Lebens gefaßt ins Auge sieht, unsentimental, objektiv, überlegen.[17]
Unsentimental, objektiv, überlegen. Nichts ist Beckmann, nichts ist sein Vortrag weniger als das. Vielmehr präsentiert er eine Wahrheit, die direkt aus seinem Bauch kommt, seine eigene, persönliche Wahrheit. Der Auffassung, nur die Wahrheit auszudrücken, hält der Direktor entgegen: Mit der Wahrheit hat die Kunst doch nichts zu tun!
[18] Mit der Wahrheit hat die Kunst doch nichts zu tun? Tatsächlich nicht? Ist Kunst nicht immer die Wahrheit des Künstlers? Also eine subjektive Wahrheit? Und, gesetzt den Fall, wir fänden sie dennoch in der Kunst, wie viel Wahrheit verträgt diese Kunst dann? Wie viel Wahrheit vertrug die Kunst, die den Menschen 1947 geboten wurde?
Da haben wir sie demnach endlich, eine offene kritische Frage, die es durchaus wert ist, ausführlich diskutiert zu werden. Symptomatisch für die durchgehende Absenz einer rationalen Behandlung von aufgeworfenen Problemen ist, dass auch dieser Frage in Draußen vor der Tür nicht weiter nachgegangen wird. Die Wahrheit
des Direktors wird konsterniert zur Kenntnis genommen und dann allein im Fortgehen bezweifelt:
“Mit der Wahrheit ist das wie mit einer stadtbekannten Hure. Jeder kennt sie, aber es ist peinlich, wenn man ihr auf der Straße begegnet.[19]
Irgendwo, unfassbar in den Tiefen seiner Seele verborgen schlummert bei Beckmann der Wunsch nach einer veränderten Wahrnehmung, nach einem anderen Leben. Doch vielmehr, als gierig in das sorglose Leben der anderen zu starren, so wie Beckmann gierig auf die Teller der Familie vom Oberst, seinem ehemaligen Vorgesetzten an der Front, starrt, vollbringt der Protagonist nicht. Im Selbstmitleid gefangen windet er sich qualvoll im Unverständnis seiner Umwelt, ohne dass er ihr seine Leiden verdeutlichen könnte. Erst in Borcherts Hörspiel/Schauspiel findet Beckmann, einer von denen, einer dieser zahllosen namenlosen Heimkehrer, endlich das Sprachrohr, das seine unerhörten Gefühle einer unverständigen Öffentlichkeit erhörbar machte.
Was kann uns heute ein solches Stück noch sein? Wurde die jüngere deutsche Vergangenheit nicht schon genug in den Mühlen der öffentlichen Medien oder den allgemein bildenden Schulen durchgewalkt? Offenbar nicht. Man braucht nur den Fernseher einzuschalten und sieht mannigfache, mitunter schmierige Kriegsdokumentationen, in denen Feldherren zu Mythen stilisiert und deren Leistungen
und Gräuel mit wagneresker Musik unterlegt werden. Dort darf der morbide Pomp der Weltkriegszeit noch einmal über den Bildschirm stolzieren. Dort dürfen alte Haudegen ihre Erinnerungen noch einmal ausschütten und möglichst genau sagen, was die Masse der Fernsehzuschauer für wahr hält. Nichts als die Wahrheit sei das, wessen man sich dort vor sterilem schwarzen Hintergrund erinnert. Aber die Auslassung kann man mit ebenso gutem Gewissen Lüge zeihen wie die Täuschung an sich. Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür zeigt ein Bild, das nicht nur die heute von den Militärs gerne mit dem Begriff Kollateralschäden
bezeichneten Leiden der am Krieg selbst nicht Beteiligten erfasst, sondern auch die Spätschäden
, die einem Krieg unweigerlich folgen. Die vielgestaltige Entwurzelung der Menschen, die Unmöglichkeit für so viele, sich in der deutschen Nachkriegsgesellschaft wiederzufinden, transportieren die Massenmedien oft nur in unzureichendem Maße. An der Oberfläche gelöste oder unendlich schwelende Konflikte gelten als uninteressant. Doch gerade hier liegt die Stärke von Borcherts Spiel. Einen Hauch dieses Elends fassbar zu machen, vermag Borcherts Stück nämlich auch heute.
Nico Dorn, 2003/2006
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