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[26. Februar 2003]

Judith Hermann: Sommerhaus, später

Abstract
Ist das Pop-Literatur? Die Antwort und warum man Judith Hermanns erstes Erzählbändchen unbedingt lesen sollte. Eine Kritik.

Sechs Richtige. Sechs richtig große Geschichten hat sie uns geschrieben – doch nicht nur für uns, sondern auch für die Nachgeborenen, denn diese Geschichten werden bleiben. Dass der Ruhm in der Folge der Veröffentlichung ihres ersten Werkes sie dermaßen bedrückte, dass sie Jahre benötigte, um nun endlich ein neues Band mit Erzählungen zu veröffentlichen, ist nachvollziehbar: Das Gefühl jählings, unerwartet etwas Besonderes vollbracht zu haben, kann lähmend wirken. Denn hochgelobt wurde sie, und zwar zu Recht: so großartige Geschichten schreibt kaum jemand.

Hermanns Geschichten spielen im Heute und sind dennoch durchzogen von den prototypischen Bildern, deren sich die Literatur seit eh und je bediente: Liebe und Schmerz und Endlichkeit. Aber eben diese Schatten der klassischen Themen sind es, die Hermanns Erzählungen so plastisch machen. Was wäre beispielsweise Sommerhaus, später ohne die traurige Vergänglichkeit allen Seins, das in dieser Geschichte allenthalben schimmert? Was wäre Sophie ohne die Absolutheit mit der die Protagonistin sich für respektive gegen die Liebe entscheidet? Romeo und Julia wäre auch nur eine fade Schmonzette, machten die beiden am Ende Konzessionen und schlössen einen Kompromiss, anstatt auf das Recht der absoluten Liebe zu beharren – schon Shakespeare wusste von der Sprengkraft des Absoluten.

Doch nicht allein die gelungene Verschmelzung aus dem, was jetzt ist, und dem, was immer war, macht die Geschichten von Judith Hermann so lesenswert – auch handwerklich sind sie hervorragend gearbeitet. Wie wichtig der Schluss einer Erzählung für die Güte der ganzen ist, vergaßen so manche Autoren beim Schreiben. Hermann definitiv nicht. Sie vollbringt das Kunststück eine seichte Dünung aus eingefangenen Stimmungen und alltäglichen bis mäßig ungewöhnlichen Geschehnissen zum einen mit (neuen) Metaphern anzureichern, ohne dabei über die Maßen prätentiös zu wirken, und zum anderen zu einem überraschenden Ende zu führen, das fast immer – im vorliegenden Bändchen nach meinem Dafürhalten immerhin sechsmal – die Potenz hat, den Leser in einen Strudel aus Gefühlen mit sich zu reißen, ihn in einen Hurrikan zu werfen, der ihn hinabzieht aus den Höhen, in die er zuvor gelangte, um nunmehr, im freien Fall, zu schauen, zu fühlen, was es heißt, Emotionen zu haben. Das Vermögen ihre Sensibilität für das Denken fremder erdachter Personen in Worte zu legen, die jeder von uns schon einmal verwendet und eben in dieser Weise dennoch nie gelesen hat, erhebt sie in den Dichterhimmel. Hunter-Tompson-Musik ist so ein Beispiel gelungener Empathie. Die kleine Geschichte dieses alten Mannes berührt einen, ohne dabei die Grenze zur verbotenen Zone des Kitsches zu überschreiten – sie wirkt schlicht wahrhaftig, ehrlich. Hermanns Aufrichtigkeit, ihr Vermögen gegenüber ihren Figuren eine Situation der Kongenialität herzustellen, mögen Gründe sein, dass wir, die Leser, ihr die Melancholie abnehmen, die in jeder Zeile mitschwingt.

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