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[26. Februar 2003]

Neun Geschichten sind es, die wir in Sommerhaus, später finden, und dennoch rede ich nur von sechs Richtigen. Es wäre wohl zu viel verlangt, erwartete man, schon im Premierenbändchen die Größe, auf die nicht so gelungenen lieber zu verzichten, sie dem Nachlass anzuvertrauen oder besser gleich ganz zu verbrennen. Wirklich mittelmäßig ist gleichwohl nur Diesseits der Oder. Diese Erzählung hängt im Leeren. Sie findet nicht den Halt, der die anderen Geschichten aufwühlt; den Halt, der uns, so seltsam es klingen mag, erst in der Haltlosigkeit des Endes bewusst wird. Sie plätschert vielmehr dahin, ein wenig freudlos, ein wenig dürftig, nicht richtiggehend mies, aber auch nicht so berauschend wie die anderen. Was dieser Erzählung eindeutig fehlt ist das gelungene Ende, aus dem heraus die anderen Geschichten die Kraft ziehen, die sie aus dem Morast des Gewöhnlichen erhebt. Die goldenen Farben eines kränklich gleißenden Sommers und die üble Stimmung einer in lähmender Stille gefangenen Person (gemeint ist der Drehbuchautor) baut Hermann auf und hält sie. Dennoch lässt sie den Leser am Schluss sträflich allein. Der Fall, der zuvor immer das sicherste Indiz für ein mehr denn gelungenes Stück Prosa war, entfällt.

Doch Schluss damit, denn das Positive überwiegt in diesem Band nicht nur, nein, diese allzu detaillierte Kritik könnte den Blick darauf verstellen, dass es in den letzten Jahren nicht viele Neuerscheinungen in der deutschen Literaturszene gegeben haben dürfte, die auch nur annähernd gleichen Rang hatten. Judith Hermann schrieb nämlich neun junge Geschichten, die mitten in unserer Zeit stehen, die abstruse Drogenkultur und der pathologische Widerschein des allenthalben grassierenden Hedonismus sind tief in sie hineingewoben. Dennoch schafft Hermann es, nicht dem matten Wahn der Pop-Literatur auf den Leim zu gehen. Ihre Geschichten suggerieren nicht, die Welt sei mit Witz und Verschmitztheit und Nonchalance voll zu erfassen. Dass die Dinge um uns herum mehr bitterernst als schlechte Komödie sind, hatte Kracht mit seinem Roman Faserland auch schon unterstrichen. Seinen Figuren ist die Gefangenheit in den Konventionen einer gefallsüchtigen Kultur derart zur Unausweichlichkeit geworden, dass sie sich umbringen. In seinem Roman sind allerdings die spaßhaften Elemente noch sehr stark, vielleicht zu stark. Dem Leben des Moments, dieser seichten Sinnenlust, erteilt auch Hermann durch ihre sympathischen Figuren eine klare Absage. Der Satz: Glück ist immer der Moment davor (Marie in Camera Obscura), kann für alle ihrer Figuren gelten. Das tatsächliche Ausleben eines Wunsches erweist sich dem folgend immer als Qual, Glück findet sich nur im Wunsch an sich. Man mag dieser Argumentation entgegenhalten, dass viele Figuren in der Pop-Literatur eine Gequältheit auf der Suche nach Glück an den Tag legen. Dass der Protagonist in Stuckrad-Barres Soloalbum nicht gerade von Glück strotzend durch die Weltgeschichte taumelt, kann zum Beispiel niemand bestreiten. Doch löst diese Figur, ebenso wie viele andere, ihre Probleme zumeist durch narzisstische Selbstgeißelung oder dem Wenden hin zu triebhaften Exzessen. Hermanns Figuren verfallen solchen Scheinlösungen nicht. Sie enden, so wie es sich gehört: in der Verlassenheit.

Vielleicht gab Judith Hermann einer bei näherem Hinsehen doch ein wenig schmalbrüstig daherkommenden Literaturwelle durch ihren Erzählband Sommerhaus, später den Todesstoß – und das noch bevor diese richtig boomte.

Nico Dorn, 2003

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