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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Was ist eine Fabel?
  3. 3 Die Ideen der deutschen Aufklärung
  4. 4 Die Gattung Fabel in Poetiken des 18. Jahrhunderts
    1. 4.1 Entstehung und Ausfüllung eines Gattungsbegriffs
    2. 4.2 Lessings Fabeltheorie
  5. 5 Lessings Fabeln und das aufgeklärte Bürgertum
  6. 6 Fazit
  7. 7 Anhang
    1. 7.1 Zur Geschichte der Fabel im Schulunterricht
    2. 7.2 Zitierte Fabeln
  8. 8 Literatur
    1. 8.1 Primärtexte
    2. 8.2 Sekundärtexte

[28. Januar 2007]

Auf dieser Folie gelesen eröffnen Lessings Fabeln noch eine andere Bedeutungsschicht. Sich über seine Position in der Welt, sich über seine gesellschaftliche Position zu beklagen, erscheint nämlich unter den herrschenden politischen Bedingungen nicht mehr als sinnvoll, da im absoluten Staat ein ausreichender Freiraum vorhanden ist, den eigenen Gefühlen und Ansichten Raum zu geben. Wird in den beiden oben besprochenen Fabeln auch vornehmlich das Moment der Selbstbescheidung akzentuiert, so lässt sich daneben feststellen, dass, einen Schritt weitergedacht, diese Beschränkung zugleich neue Betätigungsräume auf Gebieten eröffnet, die vom Adel nicht besetzt und von der absoluten Herrschaft nicht sanktioniert werden. So weitet sich der Raum des Bürgertums allmählich aus, und gleichzeitig wird – in Lessings Fabeln zeigt sich das beispielhaft – nicht wahrgenommen, dass das bestehende gesellschaftliche Gefüge im Zuge dieses Prozesses umgestoßen werden muss.[143]

Das Motiv der Beschränkung auf seine eigenen Möglichkeiten wird von Lessing in seinen Fabeln nicht immer positiv konnotiert. In Die Gans[144] wird es im Gegensatz zu den beiden oben besprochenen Zeusfabeln als eine Unmöglichkeit des Andersseins dargestellt, ganz gleich, welche Anstrengungen der Handelnde auch unternimmt: Die auf ihr schwanenweißes Gefieder stolze Gans bleibt trotz aller Mühen schwanengleich zu werden, eine Gans. Der entscheidende Gegensatz zu den Zeusfabeln ist, dass ihr überhaupt nicht die Möglichkeit gegeben wird, ihre persönliche Situation zu verändern. Alle Anstrengungen führen nur zu einem Ergebnis: Von einer Gans, die mit einem blendenden Geschenk der Natur ausgestattet ist, wird sie zur lächerliche[n] Gans. Man könnte diese Fabel als eine Beschreibung der sozialen Schichtung des 18. Jahrhunderts verstehen. Denn bemerkenswert ist, dass Lessing das als töricht beschriebene Tier in dem Moment, in dem es sich darum bemüht, seine Natur zu verleugnen und einem Schwan so ähnlich wie nur möglich zu werden, als majestätisch auf dem Teich schwimmend beschreibt. Darum denke ich, dass man nicht vollkommen fehl geht, wenn die Tiersymbole so aufgelöst werden, dass die Gans die bürgerliche und der Schwan die adelige Sphäre repräsentieren soll. Die Lehre wäre demnach eine negative: Der Ausbruch aus dem von Geburt an festgelegten Seinsbereich ist unmöglich und jeder Versuch, ihn dennoch zu vollziehen, kommt einem nicht zu entschuldigenden Fauxpas gleich. Der Bürger bleibt seiner bürgerlichen Schicht verhaftet und hat keine Möglichkeit, sich dem Adelsstand anzunähern. Diese desillusionierende Lehre lässt sich allerdings genau dann ins Positiv wenden, wenn die dem bürgerlichen Menschen mitgegebenen Eigenschaften und gebotenen Möglichkeiten – die blendenden Geschenke der Natur in der Fabel – nicht im sinnlosen Streben nach dem Unerreichbaren aufgebraucht werden. Vielmehr könnte eine Konzentration auf die dem Adel fernen Betätigungsfelder, eine Konzentration auf die Freiräume im absoluten Staat, die dem Bürger offen stehen, Abhilfe schaffen.

Von einer bürgerlichen Moral dieser Art ist Johann Heinrich Campes Kinderbuch Robinson der Jüngere (1779/1780) durchdrungen. Campe erläutert im Vorbericht des Buchs, welche Absichten er mit dem Verfassen seiner Robinsonade verfolgt habe. Interessant ist für diese Untersuchung der fünfte Grund[145], den er anführt. Hier unterstreicht Campe nämlich dezidiert, dass er jedwede schwärmerische Haltung (Empfindsamkeitsfieber) ablehne.[146] Er habe darum ein Buch geschrieben,

welches die Kinderselen aus der fantastischen Schäferwelt, welche nirgends ist, und in welche Andere sie hinzukörnen suchen, in diejenige wirkliche Welt, in der wir uns dermalen selbst befinden, und aus dieser in den ursprünglichen Zustand der Menschheit zurükführte, aus dem wir herausgegangen sind[147].

Die Beschränkung auf die Akzeptanz der gegebenen gesellschaftlichen Umstände (diejenige wirkliche Welt), steht hier in positiver Weise einer schwärmerischen Haltung gegenüber, die Standesgrenzen nicht akzeptiert und zu überwinden trachtet. Denn es sei viel eher angebracht, dass man den Nachahmungstrieb der Kindersele […] unmittelbar auf solche Gegenstände richtete, welche recht eigentlich zu unserer Bestimmung gehören[148]. Würde man ihnen die Freiheit lassen sich ihr Betätigungsfeld selbst zu suchen, so meine Interpretation, dann führte das bei den Kindern eventuell zu einem grundsätzlichen Fehlverhalten, wie es Lessing in Die Gans beschrieben hat. Das eigentliche Vergehen des Tierprotagonisten in Lessings Fabel, wäre demnach (mit Campe gelesen), dass er sich wider seine Bestimmung verhält, dass er sich nicht zur innigsten Dankbarkeit gegen die göttliche Vorsehung[149] ermuntern ließ. Wie aber kann man diese Beschränkung als positiv verstehen? Positiv wird sie in Campes Kinderbuch immer dann gewendet, wenn die Geschichte des Robinson Crusoe, wie sie der Vater seinen Kindern nach und nach erzählt, für ein bürgerliches Handlungskonzept nutzbar gemacht wird. Denn dieses Buch erschöpft sich nicht darin, eine phantastische Erzählung zu präsentieren (dergleichen würde ja auch Campes selbst geäußertem Anspruch zuwiderlaufen). Die Geschichte Robinsons wird vielmehr immer wieder als Anreiz für eine eigenständige und produktive Auseinandersetzung mit dem Schicksal des Schiffbrüchigen benutzt. Die Kinder, die die Geschichte hören, ahmen ihn nämlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten nach. Zum Beispiel berichtet der Romanerzähler, wie sich eines der Kinder aus eigenem Antrieb eine Jagdtasche gemacht habe, nachdem es hörte, wie Robinson Crusoe sich ohne jedes Werkzeug einen Sonnenschirm bastelte.[150] Zu solchen handwerklichen Nachahmungen treten oftmals moralische Appelle, die von den Kindern verinnerlicht und ausgelebt werden. Wählt Robinson beispielsweise Arbeitsamkeit und Mäßigkeit als Richtschnur für sein zukünftiges Handeln, inspiriert dies die Kinder, sich für ihre täglichen Mahlzeiten selbst Beschränkungen aufzuerlegen.[151] Diese dezidiert pädagogische Orientierung ist nicht allein für Campe typisch.[152] Sie steht ebenso für die Grundhaltung der Epoche, die sich auch durch ihre erzieherischen und volksaufklärerischen Motivationen definiert.[153] Dass Kinder nun nicht mehr als kleine Erwachsene behandelt wurden, sondern eben kindgerecht, ist zwar keine Erfindung der Aufklärung. Aber die Bedeutung der Erziehung (von Kindern) wird in ihr besonders betont. So findet sich beispielsweise im Artikel Feder-Spiel, dieses dienet zum Zeitvertreib in Zedlers Universal-Lexicon schon 1735 eine Anerkennung des lehrhaften Charakters, den das Spielen haben kann:

Es hat dieses Spiel [das Feder-Spiel] vor vielen andern seinen guten Nutzen, denn zu geschweigen, daß man dabey eines Kindes Geduld auf die Probe setzen kan(n), so lernen sie auch dabey in ihrer Handlung behutsam verfahren, und bekommen von dergleichen Modelle von mancherley Geräthschafft einen Begriff.[154]

Wenn man das erzieherische Ethos Campes abstrahiert, tritt der Zusammenhang mit den bisher besprochenen Fabeln Lessings deutlicher hervor. Die zunächst negative Einengung auf eine spezifische Lebenssphäre, wie sie in Die Gans beschrieben wird, wendet sich dadurch ins Positive, dass man sie mit einem zwar beschränkten, aber eigenverantwortlichen Handlungskonzept verbindet. So kann man meines Erachtens auch die abschließende Wendung in Zeus und das Schaf verstehen, in der das Schaf sich in sein Schicksal ergibt, schwach zu sein, dieses aber moralisch positiv deutet: besser Unrecht leiden als Unrecht tun[155]. Ist der Handlungsspielraum des Schafs auch reduziert, so liegt er immerhin in einem eigenen Verantwortungsraum und diesen kann man nach eigenem Ermessen, allein durch seine Grenzen beschränkt, nach Gusto möblieren.

Gerhard Bauer merkt ebenfalls an, dass die Veränderungswünsche der Tiere in den Fabeln Lessings durchweg als töricht apostrophiert werden. Allerdings interpretiert er die Fabeln nicht wie ich dahingehend, dass sie Selbstbescheidung propagieren wollen, um nicht weiter unerreichbaren Vorbildern nachzustreben, wodurch sich Raum für eigene Leistungen und ein ganz eigenes Weltverständnis eröffnet. Vielmehr meint er:

Das Bewußtsein [der Anderswertigkeit] soll die Schranken nicht noch befestigen, es soll an sie stoßen. Kann es sie auch in den relativ statischen Modellen der Fabeln niemals durchbrechen, so macht es sie doch auffällig.[156]

Die Herrschaftsverhältnisse blieben demnach zwar auch in Lessings Fabeln unangreifbar, doch würden die Begründungs- und Rechtfertigungsmechanismen dieser Herrschaft schärfer untersucht als bei seinen Vorgängern.[157] Um die Übernahme von Herrschaft geht es demnach nicht. Denn die Bürgerlichen sind Privatleute; als solche herrschen sie nicht[158], wie Habermas feststellt. Gleichwohl werden gegenüber der Herrschaft Forderungen nach Publizität, also einer Aufklärung über die Staatsgeheimnisse, erhoben. Hier geht es schon nicht mehr um die Befestigung eines eigenen Handlungsraums, die Publizität will Herrschaft als solche verändern[159]. Tatsächlich überschritt das Bürgertum seine Grenzen und eroberte den von ihnen abgesteckten Raum. Spätestens mit der Französischen Revolution (1789) war dies zur unumstößlichen Tatsache geworden. Gleichwohl scheint keine Bewusstheit für diesen gleichsam staatszersetzenden, weil gesellschaftsmodifizierenden Akt vorhanden gewesen zu sein.[160] Die Vermutung, aller Selbstbescheidung zum Trotz könne man sich in dem zur Verfügung stehenden gesellschaftlichen Raum voll ausleben, trog letztlich. Diese Fehldeutung des Bürgertums lässt sich in den Fabeln Lessings immer wieder in verschlüsselter Form finden.

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[143] Das Moment des Nichtgewahrwerdens korrespondiert mit der These von Koselleck 1973: S. 5: […] der kritische Prozeß der Aufklärung hat die Krise im gleichen Maße heraufbeschworen, wie ihr der politische Sinn dieser Krise verdeckt blieb. Vgl. auch ebd.: S. 6–9.

[144] In Lessing Fabeln: S. 118 u. Kap. 7.2.

[145] Vgl. Campe Robinson: S. 6–8.

[146] Zu Bedenken ist, dass zu dieser Zeit die erste Welle der Empfindsamkeit bereits im Abflauen begriffen ist (vgl. Sauder 1993: S. 203) und desavouiert war. Tatsächlich schlug sich in der literarischen Produktion der Empfindsamkeit eine spezifisch bürgerliche Moral deutlich nieder.

[147] Campe Robinson: S. 7.

[148] Ebd.

[149] Ebd.: S. 8.

[150] Ebd.: S. 71–73.

[151] Ebd.: S. 219–221.

[152] Göpfert 1977: S. 54 konstatiert, dass man in Campe den Prototyp eines Aufklärungsverlegers sehen könne. Denn sein ganzes verlegerisches Streben sei pädagogisch ausgerichtet gewesen.

[153] Vgl. Borgstedt 2004: S. 13 u. S. 53–62. Auch in der Haskala, der jüdischen Aufklärungsbewegung, spielte das Motiv der Bildung eine entscheidende Rolle (vgl. ebd.: S. 50).

[154] Zedler Feder-Spiel: Sp. 410.

[155] Lessing Fabeln: S. 132.

[156] Bauer 1973: S. 31.

[157] Vgl. ebd.: S. 34.

[158] Habermas 1990: S. 87.

[159] Ebd.

[160] Vgl. Koselleck 1973: S. 5.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008

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