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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Was ist eine Fabel?
  3. 3 Die Ideen der deutschen Aufklärung
  4. 4 Die Gattung Fabel in Poetiken des 18. Jahrhunderts
    1. 4.1 Entstehung und Ausfüllung eines Gattungsbegriffs
    2. 4.2 Lessings Fabeltheorie
  5. 5 Lessings Fabeln und das aufgeklärte Bürgertum
  6. 6 Fazit
  7. 7 Anhang
    1. 7.1 Zur Geschichte der Fabel im Schulunterricht
    2. 7.2 Zitierte Fabeln
  8. 8 Literatur
    1. 8.1 Primärtexte
    2. 8.2 Sekundärtexte

[28. Januar 2007]

Gleichheit aller Menschen. In der im vorhergehenden Abschnitt zitierten Äußerung Wielands steckt die Forderung nach einer grundsätzlich für jeden Menschen geltenden Freiheit, sich seines Verstandes zu bedienen, sich selbst und seine Umwelt aufzuklären. Interessant ist in diesem Kontext die Positionsbestimmung des Monarchen, wie Kant sie in Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? vornimmt. Dort heißt es, der Mensch dürfe wohl für sich selbst, aber auch dann nur auf Zeit, die Entscheidung fällen, mit dem Voranschreiten auf dem Weg der Aufklärung innezuhalten. Seinen Mitmenschen dürfe er dergleichen Stillstand jedoch in keiner Weise auferlegen. Und dann:

Was aber nicht einmal das Volk über sich selbst beschließen darf, das darf noch weniger ein Monarch über das Volk beschließen; denn sein gesetzgebendes Ansehen beruht eben darauf, daß er den gesamten Volkswillen in dem seinigen vereinigt.[41]

Die Stellung des Monarchen bestimmt sich ergo nicht von einem metaphysischen Standpunkt her. Seine herausgehobene Position ist bei Kant nicht etwa von Gottes, sondern von Volkes Gnaden. Der Herrscher wird auf Augenhöhe herabgezogen.[42] Als primus inter pares erhält er seine Stellung allein dadurch, dass sein Volk sie ihm zuerkennt. Der Gleichheitsanspruch der Aufklärung erstreckt sich infolgedessen auch über eine Grenze, die die altehrwürdige Elite von der Masse der Gesellschaft trennte. Gleichwohl schimmern durch einige dieser Überlegungen, wie ich bereits oben gezeigt habe, elitäre Züge anderer Art hindurch.[43] Und das ist durchaus typisch für die deutsche Aufklärung, kann man doch ihre politische Kritik als im Verhältnis zu Frankreich durchaus moderat bezeichnen.[44]

 

Hinwendung zum Diesseits. Religionskritik. Rückt im Zuge der Betonung des Vernunftgebrauchs, wie oben ausgeführt, das Individuum in das Zentrum der Entscheidungsfindung und wird Wahrheit als ein kaum erlangbares, ja nicht einmal erstrebenswertes Gut qualifiziert, so bedeutet dies zugleich eine Abkehr von den Dogmen der (christlichen) Kirche. In Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? konstatiert Kant, dass ein wesentlicher Grund für die fortwährende Unmündigkeit vieler Menschen die von den Vormündern geförderte Furcht vor der Selbständigkeit sei:

Nachdem sie ihr Hausvieh erst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen.[45]

Interessant an dieser Äußerung ist, dass Kant das Bild des Hausviehs wählt, um die furchtsam in Unmündigkeit verharrenden Menschen zu charakterisieren. Vielleicht will er in dieser Passage eine Kritik an den fixen Dogmen des Christentums transportieren, das allzu oft schicksalergebenen Gehorsam und allzu selten selbständige Entscheidungsfindung einfordert, indem er durch das Hervorrufen des Bildes wohlbehüteter Haustiere an das Gleichnis in Psalm 23,1 (Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln) erinnert.

In Was heißt: sich im Denken orientieren? wird seine Kritik deutlicher. Dort stellt er fest, dass jeglicher Gottesbegriff und somit alle religiöse Überzeugung vernunftgegeben sei, mithin nicht a priori in jedem Menschen liege oder ihm gar von einem höheren Wesen eingegeben worden sei. Gleichzeitig sei ein Gottesbegriff, sobald er denn erlangt wurde, noch kein Beweis für die Existenz eines höheren Wesens.[46] Ferner hält Kant es für unzulässig, dass eine Generation unumstößliche Grundsätze für alle folgenden aufstelle, denn das hieße, die heiligen Rechte der Menschheit zu verletzen und mit Füßen treten.[47] Unter diesen heiligen Rechte[n] muss der freiheitliche und selbständige Vernunftgebrauch und die Verneinung jeglicher schwärmerischen Haltung wohl eine herausgehobene Position einnehmen.[48] Das Recht der Menschen auf eigenen Vernunftgebrauch soll durch diese dogmenkritischen Äußerungen Kants auch für die Zukunft verteidigt werden. In dieser Hinsicht hängt seine Forderung mit dem aufklärerischen Fortschrittsglauben zusammen. Denn tradierte Vernunftgründe können nur dann aufgenommen und weiterentwickelt werden, wenn fixe Dogmen den Nachlebenden keine Beschränkungen ihres Vernunftgebrauchs auferlegen.[49] Durch die Ablehnung überkommener Vor-Urteile aber eröffnet sich Raum, Lebenswirklichkeiten zu gestalten, die zuvor von allgemein anerkannten Gesetzen geregelt worden sind. Wenn Wieland fordert, Aufklärung müsse sich über alle Gegenstände, die dem äußern und innern Auge zugänglich seien, ausbreiten[50], so bedeutet dies, sie müsse sich auch mit lebenspraktischen Fragen beschäftigen[51], also Fragen behandeln, die sich durch die Ablehnung der alten Dogmen als nicht mehr in ausreichendem Maße geregelt herausstellen. Religionskritik und Hinwendung zum Diesseits hängen folglich eng miteinander zusammen; ebenso wie die Hinwendung zum Diesseits mit einer Fokussierung auf das Individuum und seinen persönlichen Vernunftgebrauch verknüpft wurde. Der Glaube der Kinder und der vieler Erwachsener, schreibt Rousseau, ist eine Sache der Geographie.[52] In dieser spitzen Bemerkung verschmelzen die beiden Bereiche (religiöse Überzeugungen und materielle Umstände) gar miteinander. Denn die Religion des Individuums steht allzu oft nur auf dem Substrat kultureller Traditionen, die unhinterfragt und vor allem unreflektiert zu Überzeugungen mutieren.

Doch die Religionskritik des 18. Jahrhunderts bewegte sich nicht nur in einem abstrakten, geistigen Raum. Denn die Epoche der Aufklärung war auch durch große Naturforscher geprägt; und deren Ergebnisse standen oftmals im Widerspruch zu dem in der Bibel zu findenden Schöpfungsbericht. Als Erkenntnismittel wird Gott bei ihnen folgerichtig suspendiert, womit man ihn jedoch – Dialektik der Aufklärung – keineswegs aus der Welt des Seienden zu verdrängen versuchte.[53] So kann man sagen, dass der Gott in den umfangreichen Forschungen[54] Buffons (1707–1788) ein rationaler Gott: die Divinisierung der menschlichen Vernunft[55] ist; und muss zugleich feststellen, dass Buffon sich ernsthaft bemühte, Bibel und Faktenlage miteinander in Übereinstimmung zu bringen.[56] Und dennoch gilt für sein Denken die Grundüberzeugung, die Cassirer für das Denken des 18. Jahrhunderts als konstitutiv bestimmt: Die Phänomene sind das Gegebene; die Prinzipien das Gesuchte.[57] Die Faktenlage hat demnach den Vorrang, ganz gleich wie gewichtig die (alten) Prinzipien auch seien.

Im Feld der Religionskritik zeigt sich somit, wie eng die Beziehung zwischen Kritik und Vernunft war. Erreicht die Kritik in Kants berühmten Aufsatz auch noch nicht das Infragestellen der Gehorsamspflicht, so finden sich in ihm dennoch, genauso wie bei Wieland, bereits Ansätze einer Selbstkritik. Die selbst auferlegten Beschränkungen sind als ein Infragestellen der Reichweite der eigenen intellektuellen Höhenflüge zu verstehen. Im Werk Jean-Jacques Rousseaus ist diese Selbstkritik schon ungleich stärker ausgeprägt. Bei ihm werden die kulturellen Errungenschaften, die – nebenbei gesagt – seine Tätigkeit als Schriftsteller überhaupt erst ermöglichten, durch eine vehementes insistieren auf ihre negative Kehrseite relativiert. Das Motto seiner Abhandlung über die Wissenschaften und Künste lautet darum nicht zufälligerweise Decipimur specie recti[58] [Wir werden durch den Anschein des Rechten getäuscht]. Die Kritik stellt ihre Basis selbst infrage. Auch das ist Aufklärung.

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[41] Kant Aufklärung: S. 25.

[42] So, zumindest als Wunschbild, auch in Rousseau Abhandlung 2: S. 8: Ich hätte mir gewünscht, frei zu leben und zu sterben, das heißt, auf solche Weise den Gesetzen unterworfen zu sein, daß weder ich noch sonst jemand ihr ehrwürdiges Joch abschütteln könnte […]. / Ich hätte mir also gewünscht, daß niemand im Staat von sich sagen könnte, über dem Gesetz zu stehen […]. Denn welcherart auch die Verfassung einer Regierung sein mag – wenn sich da nur ein einziger Mensch findet, der dem Gesetz nicht unterworfen ist, so sind alle anderen notwendigerweise dessen Belieben ausgeliefert. Vgl. auch Borgstedt 2004: S. 12.

[43] Vgl. hierzu die oben erwähnten Positionen Wielands und Kants.

[44] Vgl. Borgstedt 2004: S. 11.

[45] Kant Aufklärung: S. 22.

[46] Vgl. ebd.: S. 55–56. Womit er, nebenbei bemerkt, mit René Descartes bricht, der gerade die Möglichkeit, Gott zu denken, als Beweis für dessen Existenz feierte (vgl. Descartes Methode: S. 83 in Kap. 4).

[47] Kant Aufklärung: S. 25 (in: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?).

[48] Vgl. ebd.: S. 14 (in: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht).

[49] Vgl. auch Cassirer 1998: S. 215.

[50] Vgl. Wieland Aufklärung: S. 24.

[51] Vgl. auch Cassirer 1998: S. XII.

[52] Rousseau Emil: S. 267.

[53] Cassirer 1998: S. 181: So ist es, vor allem im Kreise der deutschen Aufklärungsphilosophie, nicht die Auflösung der Religion, sondern ihre transzendentale Begründung und ihre transzendentale Vertiefung, nach der mit allen Kräften gestrebt wird.

[54] Zweiunddreißig Bände zwischen 1749 und 1789.

[55] Schalk 1964: S. 474.

[56] Vgl. ebd.: S. 474; wohl auch wegen Angriffen gegenüber seinem Werk (vgl. Cassirer 1998: S. 64).

[57] Cassirer 1998: S. 7.

[58] Rousseau Abhandlung 1: S. 10. Das Zitat stammt aus Horaz’ De Arte Poetica (V. 25).

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008

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