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[18. August 2007]

Und nichts an mir ist freundlich ist passagenweise ein wirklich geglücktes Buch. So ist es durchaus interessant, zu beobachten, wie sich die Protagonistin selbst zergliedert, um dann jedes isolierte Glied für sich zu untersuchen. Daneben finden sich wahrhaft gelungene Bilder (Die Stifte waren nadelfein und ich nähte damit die Worte) und vermeintliche Ungenauigkeiten (ich nehme zunehmend unsere völlige Beziehungslosigkeit fest), die den komplexen Stil, der zum langsamen Lesen zwingt, allemal rechtfertigen. Problematisch ist hingegen, dass die Erzählerin nahezu keine ironischen Züge aufweist. Dass selbst Texte mit den grausamsten Inhalten von einem wohldosierten Maß Ironie profitieren, sieht man schön an Franz Kafka. Dessen Erzählungen können zugleich schreiend komisch und zutiefst verstörend sein. Eine so breit vorgetragene, allumfassende Gewichtigkeit wie in Breidensteins Buch, die impliziert, etwas könne nur ernst, bedrückend, ichzerfressend und sonst nichts sein, scheint mir heutzutage nicht mehr zu funktionieren. Vielleicht muss man sogar soweit gehen, einen derartigen Duktus als unangemessen zu bezeichnen. Irony is not over!

Das zentrale Problem des Textes ist jedoch, dass sich nichts entwickelt – weder zum Guten noch zum Schlechten. Er liest sich, als sei er die Landkarte einer Seelenlandschaft, auf der die Grenzen ein für allemal gezogen wurden. Zwar werden auf ihr dieser Gebirgszug und jene Untiefe ausführlich erkundet… doch das Ergebnis entspricht dem Anfang und dazwischen gibt es keine ernsthafte Möglichkeit, die Grenzen auf der Karte zu verschieben. Diese Entwicklungsarmut, kombiniert mit der fast durchgängig schweren Lesbarkeit des Textes, macht das Buch auf Dauer recht langatmig. Im Großen und Ganzen ist es zwar noch gut, zumal es eine formale Herausforderung für den Leser darstellt und daran erinnert, dass gute Literatur sich nicht nur auf der Ebene der Handlungen bewegt; einen zweiten Versuch dieser Art, der die Protagonisten bar jeder Entwicklung sein lässt, würde ich Breidenstein wahrscheinlich nicht mehr abnehmen.

So erinnert Und nichts an mir ist freundlich nicht nur daran, dass das Buch eine Daseinsform eigenen Rechts ist, dass das Buch sich der reibungslosen Konsumierbarkeit kulturindustrieller Produkte – eine Reizlosigkeit, die gelegentlich auch ihren Reiz haben kann – durchaus zu erwehren weiß. Dass eine junge Autorin einen derart komplexen Erstling schreiben kann und publizieren darf, zeigt außerdem, dass die Entwicklung des literarischen Feldes nicht zwangsläufig hin zu einer bekömmlichen Massenliteratur gehen muss. Denn es hat immer wieder solch seltsame, verstörende und gar nicht eingängige Texte gegeben, die inhaltlich und formal von allem abwichen, was arriviert und standardisiert war. So zum Beispiel Louis Aragons surreale Erzählung Les Aventures de Télémaque oder Peter Handkes Affront der Publikumsbeschimpfung. Dasselbe gilt, mutatis mutandis, natürlich auch für andere Kunstgattungen wie den Film. Man denke nur an Gus Van Sants Spielfilm Gerry, in dem nichts geschieht außer das Gehen von Gerry und Gerry. Oder an Samuel Becketts Kurzfilm Quadrat I+II – Form, Schlurfen, Trommeln… und sonst nichts. Wie diese Werke bricht auch Ariane Breidensteins Buch Gewohnheiten auf, die drohen sich festzufahren. Und das ist ein mehr als nur sympathischer Zug dieses Textes. Wer Literatur wirklich liebt, könnte auch dieses Buch gut finden. Alle anderen…

Nico Dorn, 2007

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© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008

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