
Abstract
Die Autobiographie ist eine Textgattung, in der sich der Autor mit einer Unmittelbarkeit selbst hinterfragt wie in keiner anderen. Dieser sehr spezifische Akt des Hinterfragens und seine Folgen werden von mir als Form der Deformation der eigenen Persönlichkeit und Geschichte interpretiert. Dass diese Selbstreflexivität sich nicht nur auf den Autor, sondern auch auf die Rezipienten auswirkt, versuche ich anhand der Autobiographien von Günter Grass und Joachim Fest zu zeigen.
Das Problem der Autobiographie ist, dass sie Geschichte schreibt: Individualgeschichte. Hinter ihr steht also immer ein Individuum. Denn Kollektive schreiben sich keine Geschichte, sie bekommen sie allenfalls geschrieben. Und auch das machen Individuen. Absprachen oder Gruppenbildungen sind nur zeitlich befristete Akkumulationen Einzelner. Am Ende steht wie am Anfang: das Individuum. Diejenigen aber, die Geschichte schreiben, sind selbst durch die Geschichte geschrieben. Denn Geschichte ist nicht nur nacktes Faktengerüst, das beschrieben wird, sondern auch selbst wirkende Kraft. Wie die historischen Fakten wirken, hängt wiederum davon ab, wie sie vom Schreiber verwendet werden: […] a fact is like a sack – it won’t stand up till you’ve put something in it.
[1] Rennt der Schreiber sich also im Kreisverkehr der Geschichte selbst hinterher? Besser ist es, ihn sich auf einem Neutronenstern stehend vorzustellen. Mit dem Stein, den er wirf, trifft er unbedingt den eigenen Hinterkopf. Man muss das Schreiben einer Autobiographie somit als eine Form der Veränderung des eigenen Ichs, wenn nicht gar als eine Form der Selbstverstümmelung bezeichnen. Denn indem der Autor seine Vergangenheit schreibt, schreibt er sich einen Kontext, in dem er sich verortet, indem er sich schreibt. Dieses Konstrukt wiederum lesen andere Individuen, die überall dort, wo es ihnen passt oder wo sie nicht in der Lage sind, selbst zu schreiben, Kontextraub begehen. So erhält die Autobiographie die Potenz, vom Erinnerungsort eines Individuums zur Erinnerungshalde einer ganzen Gesellschaft zu werden.
Die Geschichte der Autobiographie könnte demnach als eine Geschichte der Geschichtsdeformationen beschrieben werden – wobei die Deformationen in zwei Richtungen weisen: auf das schreibende Individuum und den Geschichtsschatz, aus dem sich das rezipierende Individuum bedient. Wenn es um Selbstverstümmelungen auf dem Boden autobiographischen Schreibens geht, fällt einem natürlich sofort Jean-Jacques Rousseau mit seinen großen, zwar literarisch überformten, aber im Kern stark durch persönliches Erleben geprägten Schriften[2] ein. Das Stilisieren der eigenen Biographie als Leiden an der ihn umgebenden Gesellschaft wirkte in der Rezeption seiner Texte leidensverstärkend auf Rousseau zurück. Das vollkommene Unverständnis der Rezipienten gegenüber seinen individuellen Wahrnehmungen trieb ihn schließlich immer weiter auf die abfallende Straße aus Paranoia und Vereinsamung: So schloß ich meine Vorlesung, und jedermann schwieg. […] Das war die Frucht, die ich […] erntete.
[3] Ebenso deutlich sieht man an Walter Benjamins Kindheitserinnerungen[4], wie massiv die eigene Geschichte durch sich selbst deformiert werden kann. Die in ihnen versammelten Miniaturen, die vermeintlich unschuldige Rückblicke auf eine längst vergangene Zeit verschriftlichen, werden von der aktuellen Situation des Autors, der das kommende Exil erahnt beziehungsweise schon in ihm lebt,[5] infiltriert. Aus seiner Sicht schaffen es die süßen Erinnerungssplitter nie, das Leiden zu verdrängen, das ihm der nazistische Unrechtsstaat zufügte. Wie eine dünne Schicht Pulverschnees legen sie sich über das Jetzt, ohne es ganz verdecken zu können. Darum ist das Motto O braungebackne Siegessäule / mit Winterzucker aus den Kindertagen
, das Benjamin seinen Texten voranstellte, auch keins. Es handelt sich um eine Leseanweisung: Sieh! Meine Deformationen!
[6] Ferner verweist es auf den Benjaminschen Geschichtsbegriff. Denn Benjamin hält Geschichte für den Gegenstand einer Konstruktion, deren Ort nicht die homogene und leere Zeit sondern die von Jetztzeit erfüllte bildet.
[7] Das Hier und Heute ist ihm der Ausgangspunkt jeder historischen Betrachtung, die notwendig von den aktuell gegebenen (Herrschafts-)Verhältnissen bestimmt ist. Unter dieser Prämisse erscheint es nicht nur legitim, sondern unabdingbar, dass das Exilerlebnis in sein autobiographisches Schreiben hineinwirkt und dieses modifiziert. Benjamins Forderung, der Historiker solle versuchen, den Zwang zum Konformismus
[8], das heißt, den Zwang der herrschenden Verhältnisse der Jetztzeit, zu überwinden, kontrastiert auf den ersten Blick hiermit. Tatsächlich geht es Benjamin nicht darum, einer vermeintlichen, in der Vergangenheit liegenden Wirklichkeit nachzustellen. Es geht vielmehr um die Bewusstheit, dass ein Einfühlen in die Vergangenheit erstens das Einfühlen in die Geschichte der Sieger (und darum untragbar) ist und zweitens auf dem Boden der aktuellen Umstände (die das Erinnern verformen) geschieht. Der kleine Text Verstecke
[9] aus Berliner Kindheit um neunzehnhundert beschreibt beispielsweise, wie das Versteck im kindlichen Spiel zu einem Ort wird, der nicht allein unsichtbar macht, sondern auch die Person selbst verändert. Das kindliche Ich verschmilzt beim Versteckspiel derart mit seiner Umgebung, dass es zu einem anderen Wesen wird. Es maskiert sich, indem es sich der Umgebung durch den Akt des Versteckens anverwandelt. Hinter der Tür wird es selbst zur Tür. Allein durch einen dem Finden vorausgehenden magischen Schrei der Selbstbefreiung
kann sich der Maskierte demaskieren und wieder zu dem werden, was er zuvor war. Eine allegorische Lesart, die das Versteckspiel des Kindes mit der erzwungenen Emigration des Erwachsenen gleichsetzt, enthüllt Benjamins verzweifelten Versuch, er selbst zu bleiben. Denn Vergangenes historisch artikulieren heißt […], sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.
[10] Seine autobiographischen Texte, die eine längst versunkene Zeit beschwören, erscheinen so gelesen als ein magisches Ritual, das vor den Deformationen des Jetzt zu schützen verspricht. Aber auch als vergeblicher Versuch, sich vor der Verzweiflung einer misslungenen Flucht, die in den Selbstmord mündete (1940), zu immunisieren.
Um die deformative Kraft, die der Nationalsozialismus entfalten konnte, geht es auch in zwei Autobiographien, die im Sommer und Herbst 2006 erschienen sind: Beim Häuten der Zwiebel von Günter Grass und Ich nicht von Joachim Fest. Die beiden Texte sind nicht nur als Grundlage für eine Strukturanalyse autobiographischen Schreibens hervorragend geeignet. Reizvoll sind sie auch deswegen, weil in den letzten Jahren in zunehmendem Maße Meinungen geäußert werden, die natio… Entschuldigung: patriotische Gefühle vom Ruch des Verpönten mit aller Gewalt zu befreien versuchen.[11] Dass die neue Bürgerlichkeit
Fests Erinnerungen Vorbildfunktion zusprechen und Grass’ allzu langes Schweigen zum erneuten Anlass der Verdammung des politisch linksgerichteten Mahners und Warners nutzen würde, wäre nicht weiter verwunderlich. Entscheidend scheint mir, dass die Memoiren von Grass und Fest als Anschauungsbeispiele dafür dienen können, zu welcher Größe sich das Geschwür des Nationalismus auswachsen und wie tiefgreifend er das Individuum verändern kann. Da die Texte in der Erfahrung des Nationalsozialismus in vielen Punkten gegensätzlich sind, werfen sie auch ein Licht auf die Tatsache, dass ein und dasselbe Phänomen nicht notwendigerweise ein und dieselbe Konsequenz zeitigen muss: Der eine (Grass) ließ sich zum Beischlaf mit dem System verführen, der andere (Fest) blieb den Nazis in dieser Hinsicht vollkommen unzugänglich. Besonders augenfällig ist allerdings in beiden Fällen die Kraft, mit der der Kettenhund des extremen Nationalismus an ihnen zerrte, und die Intensität, mit der er ihre Biographien verformte.
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[1] Edward Hallett Carr: What is History? Middlesex/Victoria (1961), S. 11.
[2] V. a. die Bekenntnisse (1782–1786), Rousseau urteilt über Jean-Jacques (1780/1782), Träumereien eines einsamen Spaziergängers (1782).
[3] Jean-Jacques Rousseau: Bekenntnisse. Übersetzt v. Ernst Hardt. Leipzig (1971), S. 900.
[4] Walter Benjamin: Berliner Kindheit um neunzehnhundert. Frankfurt a. M. (2006).
[5] Benjamin begann im Herbst 1932 die ersten Texte für seine Berliner Kindheit zu schreiben, 1938 überarbeitete er das Buch im französischen Exil ein letztes Mal.
[6] Zu meiner Lesart: Die Siegessäule ist einerseits ein symbolischer Ort, der auf die Stadt Berlin verweist. Andererseits handelt es sich um ein herrschaftliches Zeichen, das für das Deutsche Kaiserreich und dessen politische und militärische Macht steht: Errichtet wurde sie anlässlich des Deutsch-Dänisches Krieges (1864), eingeweiht am Sedantag 1873, also an dem nationalen Feiertag, der an die entscheidende Schlacht im Deutsch-Französischen Krieg (1870–1871) am Vorabend der Reichsgründung erinnerte. Aus der rückblickenden Sicht Benjamins hat sich diese Säule verändert: Sie ist braungebacken
– eine Farbenchiffre für die nationalsozialistische Herrschaft. Die unschuldigen, die süßen Kindheitserinnerungen (Winterzucker aus den Kindertagen
) können allenfalls die Farbe verwischen. Die Form, die Macht, die die Säule repräsentiert, bleibt erhalten. Die Macht, für die die Säule steht, muss sich somit auch in den Erinnerungsfragmenten wiederfinden (zumindest durch sie hindurchscheinen), denn ihre Aufgabe ist es, eine Verbindung zwischen dem Jetzt (1932–1938) und dem Damals (um 1900) zu knüpfen.
[7] Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. In: Ders.: Sprache und Geschichte: Philosophische Essays. Stuttgart (1992), S. 141–154; dieses Zitat Abschnitt XIV, S. 150.
[8] Ebd. Abschnitt VI, S. 144.
[9] Benjamin Kindheit, S. 61 (wie Fußnote 4).
[10] Benjamin Geschichte, Abschnitt VI, S. 144 (wie Fußnote 7).
[11] Vgl. das Phänomen der neuen Bürgerlichkeit
, witzig und kritisch analysiert in Christian Rickens: Die neuen Spießer: Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft. Berlin (2006); vgl. auch den Merkur-Sonderband Ein neues Deutschland? Zur Physiognomie der Berliner Republik. Hrsg. v. Karl Heinz Bohrer u. Kurt Scheel. Stuttgart (2006); bes. das zwar keineswegs bösartige, aber naive Lob des Patriotismus, das Matthias Matussek wieder einmal singt (S. 813–819), und die dementgegen differenzierte Betrachtung von Jörg Lau (S. 800–812).
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