TextTexturen

Zum Inhaltsanfang springen

Navigation

Wegweiser

Seiten

1  2  |3|  4  5

Abschnitte

[1. April 2007]

Diese Problematik transportiert schon der metaphorische Titel Beim Häuten der Zwiebel, den Grass bewusst wählte, um sie, die Problematik, in einem Bild zu fassen: Jede Zwiebelhaut bedeckt die unter ihr liegende Schicht. Diese wird durch das Schälen befreit, sichtbar. Dabei ist es oft nötig mehrere verhärtete, undurchsichtige Hautschichten zu entfernen. Das kostet Zeit, denn durch das Entfernen einiger weniger Schichten ist man noch nicht zum Innersten vorgedrungen. Immer weiter müsste man die Zwiebel häuten, sie Schale um Schale abtragen, um auf den Kern zu stoßen. Und dann, wenn man die letzte Schale entfernt hat, steht man vor einem Nichts, die Zwiebel ist verschwunden. Dieses Bild, das man deutend gleichsam in den Raum kafkaesker Verzweiflung treiben kann, steht sowohl für die Schwierigkeiten, denen Grass sich beim Schreiben der eigenen Biographie gegenübersieht: nämlich dem bereits besprochenen Problem, dass sich das Wesen, das er zu fassen versucht, hinter verschiedenen mal mehr, mal minder durchsichtigen Häuten verbirgt, also im Ungefähren bleibt. Selbst wenn die äußersten Schalen der jüngsten Vergangenheit, der deformierenden Veränderungen, die es erfahren hat, entfernt werden, um ihm näher zu rücken, kann man es doch nicht greifen, so wie es wirklich war, weil unklar bleibt, was das ist – wirklich. Das Bild steht darüber hinaus für die große Bedeutung der Speisemetaphern in Grass’ Werk. Denn in der Verwendung dieser Metaphern ist er heikel, und zwar in der fast schon verlorenen Bedeutung des Wortes: wählerisch (im Essen). Darum geht auch seine Autobiographie, wie so viele seiner Bücher, durch den Magen. Obwohl mitunter allein die Freude an der synästhetischen Erfahrung des Beschreibens einer Mahlzeit vorzuliegen scheint, steht das kulinarische Bild doch sehr, sehr häufig nicht nur für sich selbst. Grass’ Gespräche übers Essen können durchaus Ungenießbares zum Gegenstand haben. Das Gedicht Worüber ich schreibe[20] (1983) erhellt, was alles mitgemeint sein kann, wenn es vordergründig nur ums Essen geht:

Worüber ich schreibe
Über das Essen, den Nachgeschmack.
Nachträglich über Gäste, die ungeladen
oder ein knappes Jahrhundert zu spät kamen.
Über den Wunsch der Makrele nach gepreßter Zitrone.
Vor allen Fischen schreibe ich über den Butt.
 
Ich schreibe über den Überfluß.
Über das Fasten und warum es die Prasser erfunden haben.
Über den Nährwert der Rinden vom Tisch der Reichen.
Über das Fett und den Kot und das Salz und den Mangel.
 
[…]
 
Über uns alle am leergegessenen Tisch
werde ich schreiben;
auch über dich und mich und die Gräte im Hals.

Über das Essen zu schreiben, heißt über den Esser und alles, was ihn berührt, zu schreiben. Die Speise erhält metaphorische oder symbolische Prägnanz. So ist die kulinarische Bildsprache, die seiner Autobiographie zur Überschrift wurde, als Verweis auf all das gemeint, was zunächst unzugänglich ist, einem die Tränen in die Augen treibt oder im Halse stecken bleibt – und dazu gehört, unter anderem, auch die nazistische Ideologie, die er als Jugendlicher begeistert teilte, noch in der Kriegsgefangenschaft.

Während Grass im Kriegsgefangenenlager interniert ist, werden von den Lagerinsassen Kurse organisiert. Dass man versucht, in den Kursen gegen den Hunger und dessen inständiges Nagen (S. 199) anzukämpfen, verweist darauf, dass die Beschreibung dieser Beschäftigungen sich nicht in sich selbst erschöpft, sondern in einem weiteren Rahmen zu sehen ist. Tatsächlich dienten die Kurse nicht nur dem Zeitvertreib oder Vergessen des Hungers. Sie waren mitunter durchaus praktisch orientiert und somit auf die Zukunft gerichtet: Womöglich hat man dort erste Gewinnspannen des späteren Wirtschaftswunders als Profitmaximierung errechnet (S. 201). Auch der hungernde Grass belegte einen Kurs, den eine ins übliche Militärzeug gekleidete Apostelgestalt mittleren Alters, die von ihren Schülern Chef genannt werden wollte (S. 202), gehalten hat. Grass belegte einen Kochkurs für Anfänger.

Heute, bittscheen, nehmen wir Schwain durch, sagte der Meister einleitend und umriß auf der Schultafel mit knirschender Kreide und sicherem Strich die Konturen einer ausgewachsenen Sau. Dann zerteilte er das auf schwarzer Fläche dominierende Borstenvieh in benennbare Teile, die römisch beziffert wurden. Nummer eins is Ringelschwänzchen und kennt uns schmecken gekocht in geweenliche Suppe von Linsen… (S. 204)

Die Episode ist witzig und klingt wie aus einem seiner Picaroromane herausgelöst. Hinter dem seitenlangen Räsonieren über die Möglichkeiten, ein Borstenvieh in der Küche zu verarbeiten, steht jedoch mehr als pures Vergnügen an der Vorstellung. Die absurde Beschäftigung, einen Kochkurs zu besuchen, ohne dabei kochen oder essen zu können, dafür wie nie zu hungern, wird zu einer Parabel auf die Zeit im Kriegsgefangenenlager, zu einem Bild für den Übergang, in dem er und seine Mitgefangenen sich befinden. Die Erinnerung an den Kochkurs ist zugleich Verlusterfahrung und Vorausschau auf Zukünftiges, greift Grass doch selbst auf, welche Vorlieben und Metaphern er aus dieser Erfahrung gewinnen und später literarisch verarbeiten konnte. Im Untergang begriffen sind hingegen die Gewissheiten, denen man vor dem Krieg noch willfährig folgte. Diejenigen, die keine Kurse belegen, sind noch im Damals gefangen: Lamentierend gefielen sie sich als Besiegte und weinten verlorenen Schlachten nach. Einige glaubten sogar, im Verlauf von Sandkastenspielen nachträgliche Siege […] erringen zu können. (S. 199) Der Wille, den Hunger zu verdrängen, wird hingegen zu einer Chiffre für die Bereitschaft, das Gestern hinter sich zu lassen. So wird diese Episode zu einer Verbildlichung der Umkehr, zu einem Ort, an dem sich das verlorene Gestern und die noch nicht gewonnene Zukunft treffen. Die Erkenntnis, wie und wo man fehlte, hat sich noch nicht eingestellt. Wie dem Hunger kann der Schuld und der ihr folgsamen Scham nachgesagt werden, daß sie nagt, unablässig nagt; aber gehungert habe ich nur zeitweilig, die Scham jedoch… (S. 221)

Im Gespräch mit Ulrich Wickert[21], antwortet Grass auf die Frage, warum er erst jetzt über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS (die Scham) rede, unter anderem damit, dass sich das Geständnis erst jetzt ergeben habe, indem er seine inneren Widerstände überwunden habe, überhaupt autobiographisch zu schreiben. Diese Bemerkung lässt aufhorchen. Denn die bisherigen Bücher des Autors drehen sich alle um sehr persönliche Erfahrungen, das eigene Erleben flackert in ihren Erzählungen immer wieder auf. Ob es nun Jan Bronski aus der Blechtrommel ist, der bei Kriegsausbruch die polnische Post verteidigte (Grass’ Onkel Franz); ob es das Dichtertreffen von 1647 in Das Treffen in Telgte ist, das als Schlüsselerzählung auf die Gruppe 47 gelesen werden muss (Grass war Mitglied der Gruppe); oder ob es die Thematisierung der Vertreibung der Deutschen nach Kriegsende in der Novelle Im Krebsgang ist (Grass’ Familie wurde auch vertrieben), überall lassen sich biographische Anknüpfungspunkte an sein Leben finden, die bis weit in die Details der erzählten Welten hineinreichen. So gelesen lassen sich seine Schriften als ein permanentes Schreiben an der eigenen Person verstehen, als eine permanente Revision, die das schreibende Subjekt an dem beschriebenen Objekt vollzieht. Beim Häuten der Zwiebel ist ein weiterer Baustein in dieser fortwährenden Neusichtung seiner selbst, der sich Grass zeitlebens unterzog. Dass es sich hierbei um dezidiert autobiographisches Schreiben handelt, verdeutlicht stärker als alle Anspielungen in Romanen und Erzählungen, dass Grass’ Schreiben immer auch seine Person betrifft. Hinzu kommt, dass die Autobiographie ein Ort ist, von dem aus dieses Sich-selbst-Schreiben viel stärker als aus seinen rein fiktionalen Texten auf ihn zurückwirkt. Die heftige Diskussion als Folge seines Erinnerungsbuches zeigte dies deutlich.

|3|

Tags: , , , , , ,

[20] In Günter Grass: Ach Butt, dein Märchen geht böse aus. München (1996), S. 6–7.

[21] In der Sendung Wickerts Bücher, ausgestrahlt in der ARD am 17. August 2006.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 14. Dezember 2012

Zum Seitenanfang springen