
Diese Abwege, also genau das, was man schon beim ersten Lesen als Abweichung von der Norm empfindet, ist das eigentlich Faszinierende an Zaimoglus Text. Das Ausloten der Möglichkeiten des Erzählens, das Einsetzen einer Bildsprache, die hart an der Grenze zum Übertreiben wohnt, ist schon immer seine große Stärke gewesen. Hier wird noch der gewöhnlichste Gegenstand emphatisch überhöht, hier wird das Parfüm zum Männerduft
und ein cremte die Lippen ein
zu strich Balsam auf die Lippen
. Dass Zaimoglu in der Lage ist, jedem seiner Bücher einen anderen Ton zu geben, der Inhalt und Duktus miteinander auf je eigene Art und Weise verschweißt, erhöht den Reiz seiner Texte ungemein. Auch wenn man manchmal fast schon das Gefühl hat, dass hier eine gewisse Unsicherheit in der Verwendung des richtigen Ausdrucks bestehe (für Ulrich Greiner wirkt es mitunter so, als wäre er [der Text] aus einer anderen Sprache übersetzt
) – wie wandelbar und gekonnt Zaimoglu sich des Deutschen zu bedienen weiß, hat er in der Vergangenheit bereits mehrfach bewiesen: durch den inszenierten Tabubruch einer Sprache der Außenseiter in Kanak Sprak (Hier hat allein der Kanake das Wort
), durch das Todesspiel mit einer dekadenten Obszönität in German Amok (Die Kunstfotze ist nicht zu übersehen
) und jetzt in Liebesbrand durch die emphatische Verzweiflung im Angesicht des Todes/der Liebe.
Am Ende seiner sentimental journey wird David Tyra bekommen und verloren haben – beides zugleich. Die Existenz des Schönen, das ergibt sich aus diesem Text, ist zwar gewiss, man kann es deutlich spüren, doch es lässt sich nicht festhalten, egal wie ausdauernd man nach ihm greift. David ist der Sisyphus der Liebe, den wir uns allerdings nicht als einen glücklichen Menschen vorstellen dürfen. Denn sie, die Liebe, beschert ihm allzu oft und allzu beständig die Qualen eines Tantalus. Er trifft Tyra während eines Unglücks – es ist sein Unglück, Tyra getroffen zu haben. Der unauflösbare Zusammenhang von Glück und Unglück, von Sehnsucht und Erfüllung, den Zaimoglu seinem Roman eingraviert hat, manifestiert sich auch darin, dass David auf seiner Liebespirsch fortwährend körperlich von seiner direkten Umgebung bedroht wird. Zaimoglus Lesart der Liebe ist keineswegs nur romantisch-harmonisch. In ihrem Umfeld wuchert die Gewalt. David wird immer wieder angegriffen und verletzt; von geschassten Liebhabern, von Wahnsinnigen, durch Unglücks- und Zufälle. Er wagt auf seiner Suche nach dem Schönen Leib und Leben, er riskiert Kopf und Kragen. Sein Trieb und die ihn umgebende Gewalt sind Baustein seiner Verzweiflung, die sich denn auch an der ein oder andere Stelle Luft macht. So ruft er, nachdem er wieder einmal geschlagen wurde und ihm daraufhin wieder einmal eine Frau ein bisschen Wasser reicht, konsterniert aus: wie oft denn noch wollen mir Frauen helfen
!
Das Schöne an Zaimoglus Roman ist allerdings, dass er nicht so durchwegs tragisch daherkommt, wie er in seiner Konsequenz eigentlich ist. Der Text ist trotz der desillusionierenden Schlüsse, die man aus ihm ziehen kann, sehr humorvoll und witzig geschrieben. Die Komik entwickelt sich dabei nicht nur aus dem merkwürdigen Personal, sondern auch aus den frischen Bildern, die Zaimoglu immer wieder sucht und findet. Über die Besucher einer Ü30-Party heißt es beispielsweise:
“Die Musik lief leise, schließlich war das eine Party für nicht mehr junge Männer und Frauen, und sie waren hierhergekommen, um sich zu unterhalten, es wimmelte von zahmen Stachelrochen, die im bauchtiefen Wasser schwammen und auf Fischreste hofften, und mein Blick fiel auf einen Mann, der aussah wie ein toter Delphin im Treibnetz, er sah gut aus und war gut angezogen, er hatte es doch nicht nötig.
Glückliche Momente wie diesen hat Liebesbrand – darüber kann man leider nicht hinwegsehen – allerdings nicht immer. Mitunter finden sich auch Dialoge, die aus einem Stück ziemlich zäher Pappe herausgeschnitten wurden und auf denen man als Leser dann genötigt wird herumzukauen:
“Du mußt es doch verstanden haben. Ich kann nicht mit dir leben. / Ich erwarte nicht viel, sagte ich. / Vorbei, sagte sie. / Was, verdammt noch mal, soll vorbei sein?! Du hast doch noch gar nicht angefangen. / Doch habe ich. / Es wird dir vielleicht nie wieder passieren, daß ein Mann dich so begehrt wie ich. Das weißt du doch. / Ja, das weiß ich, sagte sie. / Aber es ist dir egal.
Worauf man sich auch gefasst machen muss, ist, dass der Handlungsverlauf und die Aktionen der Figuren beileibe nicht immer schlüssig sind. Die Welt, von der Zaimoglu schreibt, ist zwar in vielerlei Hinsicht sehr realistisch, sinnlich, körperlich; so zum Beispiel in der expliziten Beschreibung eines Liebesaktes: ich drückte mich von ihr weg und drückte mich wieder an sie, drückte mich weg und preßte mich an sie, immer wieder, bis sie mich abwarf, was für eine Kampfkraft, jetzt spießte sie sich auf
usw. Das Verhalten der Figuren wirkt aber zugleich vollkommen überspannt und unwirklich, als wäre das Geschehen nicht von dieser Welt. Dieser merkwürdige Zwiespalt ist jedoch nicht als Schwäche, sondern vielmehr Stärke des Textes zu verstehen. Denn hier folgt Zaimoglu konsequent dem Grundton, den er bereits im einleitenden Kapitel mit der Beschreibung des Busunglücks, in das David verwickelt wurde, angestimmt hat. Ist das Unglück auch von dieser Welt, so verweist sein subjektives Erleben auf eine Seinsmöglichkeit jenseits des physisch Greifbaren. Der Umstand, dass die Psychologie für die Figuren in Liebesbrand in mancherlei Hinsicht neu erfunden werden muss, behindert das Lesevergnügen nicht. Er vermehrt es nur noch.
Feridun Zaimoglu hat mit Liebesbrand erneut eine etwas andere Liebesgeschichte geschrieben, der eigentlich nur noch ein hübsches Ende fehlt. Die apokalyptische, bildreiche Stimmung des Anfangs wird nicht mehr aufgegriffen, es ist vielmehr so, als ob der Roman eines langsamen Todes stirbt, unspektakulär und unprätentiös. Und trotzdem ist Liebesbrand ein schöner, ein lesens- und empfehlenswerter Text, an den sich wohl jeder gern erinnern wird.
Nico Dorn, 2008
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© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008